US-Autokonzerne und Gewerkschaften unter Druck

 

17.10.2015

 

In verschiedenen Automobilbetrieben in den USA haben sich die Arbeiter/innen in einer Urabstimmung gegen den von ihrer Gewerkschaft ausgehandelten Lohnabschluss gestellt... und damit gegen das mit der GM-Rettung 2009 eingeführte 2-Klassen-Lohnsystem. Der vorliegende Text stützt sich weitgehend auf einen Leitartikel der amerikanischen trotzkistische Organisation "The Spark".

 

Nein-Sagen ist nicht genug – gegen den Ausverkauf der Automobilarbeiter/innen!

Arbeiter/innen von Fiat Chrysler haben das Ergebnis der Lohnverhandlungen zwischen der Gewerkschaft UAW (United Auto Workers) und der Konzernführung abgelehnt.

Der Abschluss hätte das „two-tier"-Lohnsystem zementiert: Dieses wurde 2009 nach der Rettung der großen Automobilkonzerne auf Druck der Obama-Regierung eingeführt und bedeutet deutlich schlechtere Löhne für alle nach dem Stichtag eingestellten Kolleg/inn/en und somit vor allem für die jüngeren Arbeiter/innen. Die Zustimmung zur Beibehaltung des Lohnsystems hätte also niedrigere Einkommen für Jahrzehnte bedeutet! Neue Generationen von Arbeiter/innen würden für weniger Lohn als Ihrer Eltern und sogar ihre Großeltern arbeiten.

Der Abschluss hätte außerdem die Auslagerung fast der ganzen US-Autoproduktion nach Mexiko bedeutet und verschiedene Industriestandorte in den USA verschoben – ein Chaos, das das Aus für viele Jobs bedeutet und außerdem den Druck auf die verbliebenen Arbeiter/innen noch erhöht hätte.

Ein weiterer Wahnsinn des Vertrags, den die UAW ernsthaft als „großen Erfolg" zu verkaufen versuchte, ist der Vorschlag, die Gesundheitsvorsorge zu individualisieren, also aus dem Konzern auszugliedern und die Kosten für einen solchen Fonds den Arbeiter/innen zu überlassen.

Nach Jahrzehnten des Ja-sagens und der Zugeständnisse haben die Automobil-Arbeiter/innen endlich NEIN gesagt! Mit diesem Votum haben sie deutlich gemacht, dass ihr Leben und das ihrer Kinder ihnen wichtiger sind als die Profite eines Konzerns.

Aber NEIN-Sagen ist nicht genug. Wenn die Arbeiter/innen sich hinsetzen und abwarten, was mag wohl passieren? Dieselben Bürokrat/inn/en, die den jetzigen Vertrag ausgehandelt haben, werden sich hinter verschlossenen Türen einen neuen Vertrag ausdenken – vielleicht anders formuliert, aber doch mit denselben Inhalten. Wie könnte man ihnen ernsthaft vertrauen?

Auch ein Streik wird nicht genug sein – zumindest nicht, wenn der Streik von denselben Leuten geführt wird, die auch den Vertrag ausgehandelt haben. Wie das nämlich aussieht, konnte man 2011 beobachten: Damals drohten die UAW-Führer den Ford-Arbeitern „in den Streik zu gehen und dort bis Weihnachten zu bleiben". Sie nutzen also die den Streik, um die Arbeiter/innen einzuschüchtern, anstatt ihn als Waffe gegen Ford einzusetzen!

Es ist also offensichtlich, dass die Gewerkschaftsführer/innen der UAW keinen wirklichen Kampf gegen die Konzerte führen wollen – und es auch nicht können!

Wenn die Automobil-Arbeiter/innen etwas Besseres als diesen Vertrag wollen, wenn sie gleichen Lohn für gleiche Arbeit, und das auf einem besseren Niveau wollen, wenn sie die Tricks der Konzerne und die krummen Deals um die Krankenversicherung satthaben, dann müssen sie den Kampf in ihre eigenen Hände nehmen.

Die Arbeiter/innen von Chrysler, Ford und GM müssen sich daher die Frage der Führung durch die UAW stellen.

Die Gewerkschaftsbosse der UAW sind, genau wie die meisten anderen führenden Gewerkschafter, bloße Marionetten der kapitalistischen Wirtschaft – eine Wirtschaft, die Unmengen von Profit angehäuft hat, indem sie den Lebensstandard der Arbeiter/innen/klasse dauerhaft hinunterdrückt.

Die UAW-Bosse gehen automatisch davon aus, dass die gestiegenen Krankenversicherungskosten auf den Rücken der Arbeiter/innen abgewälzt werden – warum?! Warum nehmen sie nicht genau das Gegenteil an: nämlich dass die Bosse zahlen, zum Beispiel indem die Profite und Bonus-Zahlungen angezapft werden.

Die drängende Frage ist, wie man sich auf einen Kampf gegen die Autokonzerne vorbereiten kann - und wie die Arbeiter/innen diesen Kampf organisieren werden. Denn die Konzerne werden nicht kampflos zurückweichen. Aber die Möglichkeit, einen erfolgreichen Streik zu führen, besteht: wenn die Arbeiter/innen sich selbst organisieren in Streikkomittees, bei denen sie entscheiden, was sie vorhaben und wie sie handeln, indem sie außerdem andere Streikende mitziehen – vor allem Arbeiter/innen aus anderen Autokonzernen. Sie können diese auffordern, sich am Kampf zu beteiligen... und warum auch nicht? Immerhin haben wir alle dieselben Probleme – wir sollen zusehen, wie unser Lebensstandard immer mehr sinkt, nur damit ein paar wenige Kapitalist/inn/en die gesamte Wirtschaft ausbeuten können. Und eine Bewegung, die in der mächtigen Autoindustrie beginnt, kann sich über die ganze Wirtschaft ausbreiten ...

Indem sie diesen Kampf organisieren, können die Arbeiter/innen all den Bürokrat/inn/en, die sich ihre Deals mit den Konzernen hinter verschlossenen Türen ausmachen, zeigen, wer die eigentliche Macht hat: die Arbeiter/innen selbst. Sie werden ihre eigene Führung entwickeln – eine kämpfende Führung.

Dieser Artikel beruht größtenteils auf dem Artikel der US-amerikanischen Organisation „The Spark": „Chrysler: Saying "NO" Is Not Enough" vom 4. Oktober. Übersetzung und Ergänzungen zum besseren Verständnis der deutschsprachigen Leser/innen: Matthias Hansen / ARKA

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