Vor 50 Jahren

Griechenland, April 1967: der Staatsstreich der Obristen

 

In der Nacht vom 20. zum 21. April 1967 griff die griechische Armee den Wahlen, die der Opposition die Mehrheit geben würden, vorweg und übernahm die Macht. Panzer bezogen Stellung vor den neuralgischen Zentren der Hauptstadt Athen: vor den Ministerien, den  Fernmeldezentren, dem Parlament, den Sitzen der Radios und der großen Zeitungen. Die Führer der linken Organisationen aber auch die der bürgerlichen Parteien wurden festgenommen.

 

Die Obristen gaben vor, dass sie einem kommunistischen Komplott vorgebeugt hätten und dass sie „aus dem Griechenland der christlichen Griechen, (…) eine uneinnehmbare Hochburg im Rahmen der NATO  und einen Hüter der Zivilisation in diesem Teil von Europa machen wollten.

Die Vereinigten Staaten protestierten nur der Form halber aber erkannten schnell die neue Macht an. Die Situation in dieser Region des östlichen Mittelmeers veranlasste sie dazu. Die Situation war dort schon immer gespannt, aber sie sollte dann auch mit dem Ausbrechen des Krieges, am 6. Juni 1967, zwischen Israel und den arabischen Staaten, also Ägypten, Syrien und Jordanien explosiv werden. Die amerikanische Regierung war auch am anderen Ende der Welt im Vietnam-Krieg festgefahren und wollte nicht in Griechenland mit einem neuen Instabilitätsherd konfrontiert werden.

Die USA konnte jedoch mit der griechischen Armee und der Vielzahl von Geheimdiensten rechnen, die den tiefen Staat bildeten. Die griechische Armee mit ihrem tief verwurzelten Antikommunismus war die des Bürgerkriegs, der zwischen 1946 und 1949 stattgefunden hatte. Sie war auch diejenige, die massive und ausschlaggebende Hilfe von dem  amerikanischen Imperialismus erhalten hatte, um den von den Aktivisten der KKE, der griechischen Kommunistischen Partei organisierten Widerstand niederzuschlagen.

Die amerikanische Regierung rechnete auch mit den anderen mehr oder minder geheimen Organisationen wie die IDEA („die heilige Verbindung der Offiziere“), denen die Mehrheit der Putschisten des Jahres 1967, und unter anderen, der Chef der Junta, Padadopoulos,  angehörten. Alle diese speziellen Geheimdienste, wie auch die KYP (der zentrale Nachrichtendienst der Armee) standen in Beziehung zur CIA.

Das Personal und die Mittel für einen militärischen Staatsstreich waren also im Hintergrund seit langem dazu bereit, zuzuschlagen. Jedoch hatte noch eine Gelegenheit, eine genügend labile Situation, gefehlt, damit der Putsch als Lösung für die Probleme der griechischen Bourgeoisie und die des Imperialismus erscheinen würde.

Ohne die formelle Erlaubnis der amerikanischen Regierung oder auch die des Königs, der seinerseits einen auf seine Generäle gestützten Staatsstreich vorbereitete, abzuwarten, schritten die Obristen zu Tat und wendeten den Plan Prometheus an, einen „Anti-Subversion“-Plan, der schon vor langem durch die NATO ausgearbeitet und von ihnen vervollständigt worden war.

Eine unsichere Situation

In der griechischen parlamentarischen Monarchie, die im Jahre 1944 von den englischen Truppen wieder hergestell worden war und die sich seitdem auf eine besonders reaktionäre Armee und Kirche stützte, sicherten Repression, Korruption und Klientelismus den ultrakonservativen Regierungen die Mehrheit im Parlament.

In den Jahren 1960 war die kommunistische Partei immer noch verboten. Die Oppositionellen befanden sich im Gefängnis, waren auf Inseln deportiert oder zum Exil gezwungen. Die Einheitliche Demokratische Linke (EDA), die mit der verbotenen Kommunistischen Partei verbunden ist, hatte jedoch eine legale Existenz. Die von Papandreou angeführten Zentrumsunion (EK) war in der Minderheit, denn eine geschickte Einteilung der Wahlkreise und Fälschungen aller Art garantierten der Nationalradikalen Union von Caramanlis (ERE) die Mehrheit im Parlament.

Die Jahre der Regierung Caramanlis (1955-1963) waren zuerst eine Zeit der relativen Entwicklung der Wirtschaft, bei denen sich die griechischen Kapitalisten und die ausländischen Investoren bereicherten. Aber an dem Schicksal der Bevölkerung änderte sich wenig. Griechenland blieb ein unterentwickeltes Land mit einer starken Emigration trotz einer Vermehrung der Arbeiterklasse in einigen Zentren, so wie zum Beispiel in Athen.  Um eine Arbeit im öffentlichen oder halböffentlichen Dienst zu erlangen, um ein Patent zu bekommen oder die Möglichkeit zu haben, auf die Universität zu gehen, brauchte man ein politisches Führungszeugnis, eine Loyalitätserklärung, mit der man seine „nationalen“ Ansichten bezeugen musste. Ihrerseits hielt die Polizei ein Netz von Spitzeln aufrecht, um ihre tausenden, die Bevölkerung betreffenden Unterlagen auf dem Laufenden zu halten.

Alle sozialen Forderungen prallten auf das Hindernis eines repressiven Regimes, wo die Agenten des tiefen Staates und die paramilitärischen Gruppen, der Gendarmerie und der offiziellen Polizei zur Hand gingen.  Am Anfang des Jahres 1963 erschütterte eine Welle von unerbittlich unterdrückten Streiks und Demonstrationen das Land und im Mai 1963 wurde der Abgeordnete der EDA Grigoris Lambrakis von der extremen Rechten mit Beihilfe des Chefkommandanten der Gendarmerie ermordet, ein Mord, den der Film „Z“ erzählt.

Papandreou, an der Spitze der EK, wurde Premierminister an der Stelle von Caramanlis, versprach eine Anzahl von Reformen, im Besonderen im Bildungswesen, befreite die politischen Gefangenen, gewährte den Bauern Zuschüsse und brachte das politische Führungszeugnis außer Gebrauch. Er führte die Wirtschaftspolitik seines Vorgängers weiter, die grundsätzlich den Interessen der Bourgeoisie entsprach. Wenn er jedoch nicht genug tat, um das Schicksal der Arbeitenden zu ändern, tat er doch genug, um seine politischen Feinde zornig zu machen, so dass er mit Hilfe von einigen Parlamentsmanövern verabschiedet wurde. Seine Anprangerung eines „tiefen Staates“, gegen den er nichts tat, bezeichneten ihn nämlich in den Augen der Rechten und der extremen Rechten als den Mann, den es zu eliminieren galt, obwohl er nichts anderes war als ein reformistischer und antikommunistischer Politiker.

Im Juli 1965 vermehrte seine Absetzung die Unruhen in der Arbeiterklasse aber auch unter den Studenten, und die ihn unterstützenden Demonstrationen umfassten Zehntausende. Am 21. Juli bewirkte die Repression 300 Verletzte und einen Toten. Die Beerdigung des Studenten Sotiris Petroulas hatte das Resultat, dass 300.000 Demonstranten auf die Straßen von Athen gingen und dass die Unruhen monatelang nicht aufhörten.

Papandreou wurde faktisch der Vertreter der Opposition, deren weitgehenden Sieg man dann für den Frühling 1967 voraussah.

Verrat der Arbeitenden und Niederlage

Obwohl Papandreou, der an der Rückkehr des Königs am Ende des Krieges mit Hilfe der englischen Truppen mitgearbeitet hatte, eine lange antikommunistische Vergangenheit hatte,  hatte die EDA doch seinen Wahlsieg im Jahre 1964 erleichtert, indem sie einige ihrer Kandidaten vor denen der EK zurückzog. Es war auch die EDA, das heißt eigentlich die Kommunistische Partei, die ihre Aktivisten, ihre Organisation der lambrakistischen Jugendlichen und alle Arbeitenden, ins Schlepptau dieses Politikers stellte. Der stalinistischen Politik der KKE mit ihrer Propaganda für nationale Einheit, die sich schon während des Krieges und des Widerstands als katastrophal bewiesen hatte, treu geblieben, predigte die EDA eine Politik des demokratischen Wechsels und der Zusammenarbeit mit der „fortschrittlichen, nationalen Bourgeoisie“. Ihre Führung prangerte die zu abenteuerliche Politik der radikalsten Streikenden an, ohne jemals die Arbeitenden vor dem tatsächlichen Risiko eines Putsches zu warnen, noch sie auf die Konfrontation vorzubereiten. Im April 1967 erklärte noch ihre Zeitung warum ein Putsch unmöglich wäre.

Während die Linke aber die Wahlen vorbereitete, bereiteten die Armee und die Rechte die Niederschlagung der Bevölkerung vor. 8.000 bis 10.000  Aktivisten kamen dann ins Gefängnis, wurden gefoltert, auf Inseln deportiert oder ins Exil geschickt. In der Folge wurden noch viele andere Oppositionelle Opfer der Repression. Die Diktatur und die Unterdrückung der Obristen werden auf den griechischen Arbeitenden und der Bevölkerung während 7 Jahren lasten.

 

Übersetzung aus: Lutte Ouvrière vom 26.04.2017

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