VW: Die scheinheilige Reaktion von Politik und Medien

 

Täglich gibt es neue Enthüllungen im VW-Skandal. Der Konzern ist unter Druck, die Aktie im Keller. Die Konzernführung versucht, die Krise auf die Beschäftigten abzuwälzen. Doch was steckt eigentlich hinter alldem?

 

Lug und Trug wohin man schaut


Groß ist die Empörung über die gefälschten Abgaswerte. Und zu Recht: Es kann nicht sein, dass Konzerne die Verbraucher und Politik kontinuierlich über ihre Emissionswerte täuschen. Scheinheilig ist allerdings die Überraschung, die Politik und Medien an den Tag legen. Denn das Fälschen von Abgaswerten ist seit Jahren bei allen Automobilkonzernen an der Tagesordnung – VW war offensichtlich nur besonders dreist. Und dass die Verbrauchswerte für Benzin und Diesel nicht stimmen, weiß jeder Autofahrer, der einmal seinen Spritverbrauch überprüft hat: die Katalogangaben sind fernab von der Realität!

Das ICCT (International Council on Clean Transportation), eine von bürgerlichen Stiftungen finanzierte Organisation, veröffentlicht schon seit Jahren Papiere, aus denen klar hervorgeht, dass nicht nur VW, sondern auch bei Volvo, Renault, Hyundai oder General Motors unglaubwürdige Zahlen beim Ausstoß von Stickoxiden angeben; gleiches gilt für den Ausstoß des „Klimakillers" CO2 und eben für den Verbrauch von Treibstoff. Die Tricksereien der Autoindustrie haben sich über die Jahre immer mehr verschärft: so betrug die Differenz zwischen Katalogangaben und Praxis zum Verbrauch 2000 „nur" 8%, 2013 waren es 25% - und zwar durchschnittlich.

In der Autoindustrie galt und gilt es seit einigen Jahren als „chic", auf besonders umweltfreundlich zu machen – das ist natürlich komplett scheinheilig: (die heutigen) Autos sind so hochkomplexe Produkte, die in einem ausdifferenzierten, arbeitsteiligen Prozess konstruiert und gebaut werden, bei dem die Entwickler/innen über eine enorme Expertise verfügen – mag da ernsthaft jemand glauben, dass es nicht schon vor Jahrzehnten möglich war, das Drei-Liter-Auto zu bauen; ja, dass, wenn nicht eine mächtige Öllobby Druck auf die die Konzerne ausüben würde, nicht schon längst alle Autos einen Elektroantrieb hätten (General Motors baute schon in den 1990er Jahren ein funktionierendes Elektroauto und ließ nach drei Jahren alle Expemplare unter fadenscheinigen Gründen verschrotten – siehe dazu den Film „Who killed the Electric Car?" von Chris Paine) oder zumindest wesentlich sparsamer wären? Stattdessen sind die Verbrauchswerte von Auto seit Jahrzehnten konstant.

Ein weiterer Faktor, der das umweltfreundliche Getue der Industrie entlarvt, ist natürlich die Konkurrenz: Wenn die Autokonzerne nicht miteinander im Wettbewerb stehen würden, könnten sie ihr ganzes Know-How zusammenführen und wirklich sinnvolle Transportmittel bauen... aber das geht natürlich in unserer vom Wettbewerb dominierten Wirtschaftswelt nicht.

 

Lage auf dem Weltmarkt – und das Interesse der US-Wirtschaft


Apropos Wettbewerb – die Lage am Automobilmarkt hat sich seit Jahren immer mehr zugespitzt. Die großen Märkte in Japan, Europa und den USA wachsen in ihrem Volumen kaum noch – die Folge ist ein knallharter Verdrängungswettbewerb und die Konzentration der Konzerne in einigen ganz großen Firmengruppen. Dieser Trend besteht bereits seit Jahrzehnten: Gab es 1960 noch etwa 60 eigentständig produzierende Unternehmen, bestimmen heute die „Big Player" Toyota, VW, GM und Hyundai über den Großteil des Automobilmarktes. Obwohl Toyota pro produziertem Auto mehr verdient, hatte VW in der Zahl der produzierten Autos in den letzten Jahren aufgeholt und wäre mit einer Stückzahl von über 10 Millionen Autos im Jahr 2015 wohl der größte Autohersteller der Welt geworden.

Diese Konzentration, die zudem den Druck auf die ernom wichtigen Zulieferer verstärkt und so auch Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft hat, führt durch den Preisdruck außerdem zu einer Überproduktion, weil die Kapazitäten mehr und mehr ausgelastet werden müssen – getreu dem Grundsatz der Automobilindustrie: „Das teuerste Auto ist das nicht gebaute Auto".

Wenn aber all das seit Jahren bekannt ist und offensichtlich von allen Behörden systematisch ignoriert beziehungsweise gedeckt wurde – warum kam es dann nun zum Einschreiten der US-Behörden gegen VW? Klar ist: nicht zufällig – die USA verfolgen industriepolitische Interessen. Denn noch gilt (zum Glück) das Freihandelsabkommen TTIP zwischen der EU und den USA nicht. Das heißt, beide Seite können gegenüber den Industrien der anderen Schutzzölle erheben, um die heimische Produktion zu schützen – und beide machen ausgiebig davon Gebrauch.

Bei ausländischen Autoherstellern erheben die USA schon seit Jahrzehnten Schutzzölle auf Pickups – bis zu 25% Aufschlag müssen Kunden zahlen, die sich für ein europäisches Modell entscheiden. Hinzu kommt eine von der amerikanischen Industrie geförderte Anti-Diesel-Lobbby, die den Schlag gegen VW als Erfolg verbuchen dürfte. Somit ist auch klar, wer die Profiteure des VW-Skandals sind: nämlich General Motors und Ford – die beiden Dinosaurier der amerikanischen Automobilindustrie.

2014, als Toyota wegen klemmmender Gaspedale in Bedrängnis kam, schlug ebenfalls die US-Justiz zu – Toyota musste letzten Endes eine Strafe von 1,2 Milliarden Dollar zahlen – zwei Menschen waren ums Leben gekommen. Im GM-Skandal, der mit bislang festgestellten 124 100 Toten deutlich größere Ausmaße hatte, musste der Detrioter Konzern 2015 nur 900 Millionen Dollar zahlen.

Nun also VW. Die scheinheilige moralischen Bewertung durch Politik und Medien, die so tut, als sei der Skandal nicht auch Teil wirtschaftspolitischer Interessen, ist dabei nur ein weiteres Trauerspiel – als ob ein Konzern, der nicht von der Justiz belangt wird, irgendein Deut besser sei. Die Automobilindustrie, weltweit eine Schlüsseltechnologie mit Millionen Beschäftigten, arbeitet überall mit den gleichen Mitteln – der Ausbeutung von Mensch und Natur – und mitunter mit mafiösen Methoden.

Verstaatlichung unter Arbeiter/innen/kontrolle!

Das zeigt etwa der aktuelle Tarifkonflikt in den USA, bei dem die von den Konzernen gekaufte Gewerkschaft "United Auto Workers" mit allen Mitteln versucht, einen faulen Abschluss gegen den Willen der Arbeiter/innen durchzudrücken. Diese Zustände können nur durch von der Basis ausgehende Arbeiter/innen/kontrolle über die Automobilindustrie in den Griff bekommen werden.

Eins ist klar: Der Betrug von VW ist nicht zu entschuldigen. Und es ist natürlich richtig, dass der Konzern zur Rechenschaft gezogen wird. Aber nicht auf Kosten der Arbeiter/innen! Denn die können für das, was irgendwelche windigen Manager da angerichtet haben, gar nichts.

Matthias Hansen

Quellen:

http://www.oica.net/category/production-statistics/

http://www.theicct.org/sites/default/files/ICCT_PEMS-study_diesel-cars_2014_factsheet_DE.pdf

http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/whatsright/whats-right-zu-volkswagen-wie-die-usa-durch-den-vw-skandal-auch-ihre-industrie-schuetzen/12552148.html

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