Ein revolutionäres Fest in Frankreich

 

Mai 2013

Auch dieses Jahr waren wieder etliche Aktivist/inn/en der ARKA auf dem Fest der trotzkistischen Organisation Lutte Ouvriere (LO). Im internationalen Vergleich gibt es wohl kaum ein Fest, welches von seiner Größe und seinem kommunistischen/trotzkistischen Charakter vergleichbar wäre. Ein Bericht:

Das „Fete" der LO findet jedes Jahr zu Pfingsten in Presles statt, einer Ortschaft nördlich von Paris. Die Einzigartigkeit des LO-Festes liegt an der Tradition dieser Organisation in Frankreich, die schon seit langer Zeit eine Politik in den wichtigsten Betrieben Frankreichs macht und sich damit auch eine konstante Verankerung in die Klasse der Lohnabhängigen geschaffen hat. Dementsprechend lebt dieses Fest jedes Jahr von neuem auf, begleitet von vor allem revolutionären Pariser Arbeiter/innen, aber auch aus anderen Teilen Frankreichs.

Die Ausstrahlung der LO geht aber auch über die nationalen Grenzen hinaus. So nehmen auch revolutionäre Aktivist/inn/en und Arbeiter/innen aus anderen Teilen der Welt teil. Vor allem aus Europa, aus den ehemaligen afrikanischen und karibischen Kolonien Frankreichs, aber auch etwa aus den USA.

Kultur

Besonders gefiel uns die gute Mischung aus Politik und Erholung. Das Fest bietet eine Menge an Freizeitveranstaltungen. Das Areal ist von seiner Größe her auch perfekt dafür ausgelegt. Zwischen riesigen alten Bäumen und den gemähten schönen Wiesen befinden sich immer wieder einzelne kleine „Dörfer", in denen Politik und Kultur miteinander verbunden werden. Als Beispiel seien hier genannt, das „Mittelalterdorf", wo die Produktionsweisen der feudalen Gesellschaft genauso wie die Klassenkämpfe zu jener Zeit noch mal dargestellt werden, oder auch das Künstlerdorf. Hier gab es unter anderem eine Klaviervorstellung über Beethoven. Es wurde erklärt, wie die Musik und die Zeit der bürgerlichen Aufklärung seine Musik und ihn selbst beeinflussten. Auch über die Veränderung der Musik durch gesellschaftliche Bewegungen und Revolutionen gab es einen Vortrag.

Im Wissenschaftszelt hielten Professor/inn/en von den Universitäten „volksnahe" Veranstaltungen, um den Arbeitenden in Fragen der Naturwissenschaft weiter zu helfen. All das sind großartige Errungenschaften für viele, die täglich im Betrieb schuften und denen der Zugang zur Bildung verwehrt bleibt. Besonders beeindruckend war das „Museum" (mehr ein Zelt) zu historischen Migrationsbewegung. Hier wurden (auf materialistischer Basis) die verschiedenen Ab- und Zuwanderungen der Menschheitsgeschichte beleuchtet. Begonnen von der Entwicklung des Menschen zur Urgesellschaft bis hin zur Stammes- und Sklavengesellschaften und letztlich auch die Wanderungsbewegungen, die die Feudal- und Industriegesellschaften auslösten. Denn die Migration ist ein Phänomen, das zur Menschheitsgeschichte gehört.

Selbstorganisation

Was dieses Fest vor allem ausmacht, ist die Stärke der Organisation. Alles wird Jahr für durch die Kraft der Arbeiter/innen neben ihrem normalen Job wochenlang aus dem Boden gestampft. Was dabei herauskommt ist, ein Veranstaltungsort, der vollkommen auf jegliche kommerzielle Unterstützung beziehungsweise Vereinnahmung verzichtet. Es wird dennoch (oder gerade deshalb) von 30.000 bis 50.000 Menschen besucht. Es bietet also einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns in einer sozialistischen Gesellschaft erwarten wird. Alles ist sehr bunt und liebevoll, ja oft einfach von Hand gemacht. Der Konsum von Essen und Trinken entspricht dem internationalen Flair, so gibt es unüberschaubar viele Essensstände zum Selbstkostenpreis mit kulinarischen Köstlichkeiten aus aller Welt.

Oft schauen die Arbeiter/innen neidisch auf die Kultur der Bourgeoisie, da sie nicht teilhaben können. Noch öfter verabscheuen sie diese weil sie so spießig und unsozial ist. Das Fest von Lutte Ouvriere schafft es, beide Gedankengänge für ein verlängertes Wochenende lang auszuschalten. Nicht zu vergleichen mit dem Donauinselfest oder auch jugendkulturellen Musikfestivals, genauso wenig mit Bonzenveranstaltungen wie dem Opernball, liegen hier keine Alkoholleichen herum. Der Rasen bleibt trotz des Menschenansturms sauber, da genug Abfallbehälter bereit stehen und die Menschen um Sauberkeit bemüht sind. Der soziale Umgang ist von Solidarität geprägt und man/frau spürt, dass die Leute hohe Ziele verfolgen. Im Gegensatz zum Wiener Volksstimmefest, wo kleine Gruppen oft isoliert bleiben und der Gedanke des revolutionären Aufbruchs oft schon im Ansatz der Frustration der Veranstalter stecken bleibt, lebt das LO-Fest von erfrischender revolutionärer Energie.

Möglich wird das auch, weil hier Arbeiter/innen für Arbeiter/innen am Werk sind. So gibt es eine breite Anzahl von Spielen für Kinder, um die Familien zu entlasten und das Fest genießen beziehungsweise mit politischer Präsenz füllen zu können. Zwei Kindergärten sorgen zusätzlich für das Wohl der Kinder. Für Erwachsene gibt es eine Reihe an Musikkonzerten, Kinos und sogar einen Kletterpark, auf dem etwa 45 Minuten lang durch eine breite Landschaft aus Bäumen geklettert werden kann. Es fährt auch regelmäßig eine kleine Bahn durch das Gelände. Man kann aufspringen und sich mal alles in Ruhe ansehen.

Wie schon angesprochen, ist es dennoch ein politisches Fest mit einer Reihe an Veranstaltungen auf mehreren Plätzen und Bühnen verteilt praktisch rund um die Uhr und von den Themen her sehr breit gestreut.

Streik bei PSA

Wir nahmen zunächst an der Veranstaltung zum Streik von PSA-Aulnay (besser bekannt unter Peugeot-Citroen) teil. Vier Monate wurde gestreikt. Das Werk sollte geschlossen werden, sagte die Unternehmensleitung. Die Arbeitslosenzahlen in Frankreich schnellen in die Höhe, die Industrie bricht ein. Unter diesem Druck war es schwer einen Streik zu organisieren, denn wird man gekündigt, vielleicht auch ohne Abfertigung, sind am Arbeitsmarkt die Chancen auf neue Stellen gering. Ja, die Arbeiter/innen mussten für diesen Streik ihre Existenz aufs Spiel setzen, aber sie hatten auch nicht viele Möglichkeiten.

Jedenfalls gelang es trotz massiver Repressalien der Unternehmensführung, die nicht nur mit der Regierung zusammen arbeitet, sondern hinter der eine der mächtigsten Familien Frankreichs steht, ein gut organisierter Streik. Von den über 2.500 Beschäftigten legten am Höhepunkt 600 die Arbeit nieder. Das ist zwar eine Minderheit, aber viele hunderte meldeten sich krank oder arbeiteten nur mit halbem Einsatz, um den Streik zu unterstützen. Insgesamt war eine klare Mehrheit für den Streik, nur trauten sich viele wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage und dem Druck, den die Kapitalist/inn/en ausüben, eben nicht ihr volles Gewicht rein zu legen.

Was diesen Streik aber auszeichnete, war die Selbstorganisierung der Arbeitenden. Niemals konnte die Gewerkschaftsbürokratie über die Arbeiter/innen bestimmen. Täglich wurde in den Streikkomitees abgestimmt, die zu diesem Zweck gegründet wurden. Während des Kampfes wurden vier der Aktivisten entlassen, um die anderen einzuschüchtern. Da das Unternehmen damit keinen Erfolg hatte, mussten sie sie unter Druck wieder einstellen. Letztlich erkämpften die Streikenden eine Abfertigung von pro Person 60.000 € (das Unternehmen hatte am Anfang nur 20.000 € geboten).

Obwohl dieser Streik die Schließung des Werks nicht verhindern konnte, wurde ein wichtiges Zeichen gesetzt. Mehrere hundert am Streik Beteiligten sind jetzt politisch aktiv geworden. Sie kämpfen weiter und sie haben von der unglaublichen Solidarität gelernt und was es heißt, den eigenen Kolleg/inn/en mehr zu vertrauen als der Regierung, den Chefs oder sonstigen Geiern. Die Stimmung war großartig, immer wieder gab es Parolen, die durch das Veranstaltungszelt hallten. „Es ist der Streik, die Kraft der Arbeitenden", lautete eine von ihnen. Es war zu spüren, dass der Kampf gegen das Kapital erst beginnt und ein nur teilweise erfolgreicher Streik niemandem abschreckt weiter zu machen.

Automobilindustrie

Außerdem hörten wir Arbeiter/innen der großen Automobilkonzerne Renault, Peugeot, Toyota, Ford und Fiat über ihre Arbeitsbedingungen sprechen. Sie schilderten die Angriffe der Leitungen auf die Arbeitsplätze der Beschäftigten. Um ihre Profite zu sichern, schüchtern die Unternehmen die Arbeiter/innen mit der unsicheren Jobsituation in der Krise ein, machen mit korrupten Gewerkschafter/inne/n gemeinsame Sache über die Köpfe der Beschäftigten hinweg oder versuchen Gewerkschaften durch Auslagerungen zu verkleinern und letztendlich zu zerstören. Sie streuen Gerüchte von hohen Verlusten und sagen, dass sie konkurrenzfähig sein müssen. Dadurch versuchen sie Löhne zu drücken, Kurzarbeit und Jobverluste zu rechtfertigen. Tatsächlich gehören aber die Manager/innen und Großanleger/innen dieser Unternehmen zu den Reichsten ihrer Länder. Oft verschieben sie Gelder auf Tochterfirmen oder dubiose Konten, sodass das tatsächliche Vermögen nicht nachvollziehbar ist.

Der Profit der Unternehmer/innen bedeutet in Wirklichkeit für die Arbeitenden den Verlust der sozialen Absicherung sowie die Beschneidung von Arbeiter/innen/rechten. Natürlich versuchen die Unternehmer/innen die Gewerkschaften einzuschränken und die Kampfmoral der Beschäftigten zu drücken. Denn nur so können sie ihre Ziele erreichen und ohne Widerstand den größtmöglichen Profit herausholen. Aber genau dieser Widerstand, die gemeinsame Aktion der Arbeitenden, der Streik, ist das, was sie fürchten. Und zu Recht. Denn dann gerät ihr Profit wirklich in Gefahr und dann ist die Frage, ob sich eine bestimmte Maßnahme der Leitung für ein bisschen mehr Profit für sie noch rentiert. Daher können die Arbeitenden auch tatsächlich oft Einiges sofort erreichen, wenn sie sich organisieren, den Schutz der Gewerkschaft nutzen, aber sich gleichzeitig nicht von ihr einschränken lassen und gemeinsam kämpfen.

Sozialistische Perspektive

Ein Höhepunkt des Festes war die Rede von Nathalie Arthaud, der Sprecherin von Lutte Ouvriere. Trotz des Regens war das Publikum zahlreich. Artaud sprach darüber, dass in Frankreich täglich tausend Menschen ihren Job in verlieren und dass die sozialdemokratische Regierung unter Hollande gleichzeitig nur etwas für die Unternehmer/innen tut. Die Versprechen, die vor der Wahl gegeben wurden, wurden nicht verwirklicht. Und hinter den Politker/inne/n, auch hinter der Sozialdemokratie stehen die großen Kapitalist/inn/en, die bei den Politiker/inne/n ihre Interessen durchsetzen. Die steigende Produktivität und die Konkurrenz um den Profit schaffen jeden Tag eine Unmenge an neuen Arbeitslosen. Es wird Zeit, dass die technischen Errungenschaften der ganzen Bevölkerung zu Gute kommen und die notwendige Arbeit unter Allen aufgeteilt wird. Nicht der Profit soll das Kriterium für die Einstellung von neuen Arbeitskräften sein, sondern die Notwendigkeit für die Bevölkerung, für die Arbeitenden.

Bei sämtlichen politischen Veranstaltungen, die wir besuchten, gab es für uns Übersetzungen ins Deutsche; teilweise von einem unserer Genossen, vor allem aber von Genoss/inn/en der LO, die das für uns organisierten. Zusätzlich zu den öffentlichen politischen Veranstaltungen hatten wir noch einige politische Treffen mit Mitgliedern der LO beziehungsweise ihrer US-amerikanischen Schwesterorganisation „Spark". Wir hatten einen politischen Austausch über die Klassenkampfsituation in den jeweiligen Ländern und die Betriebsarbeit der verschiedenen Organisationen. Das LO-Fest brachte für uns viele neue Eindrücke und Erfahrungen. Mit neuem Elan sind wir nach Wien zurückgekehrt.

Max Hoffmann und Barbara Gruber

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