Andartisses


Der Kampf und die Rolle der Frauen in der griechischen Partisan/inn/enbewegung

01. März 2007

Die Situation der griechischen Frauen war in der Zwischenkriegszeit von sehr traditionellen Rollenbildern geprägt, besonders in den ländlichen Gegenden. Ihre Schulbildung war äußerst schlecht; abgesehen von wenigen Ausnahmen (einige Lehrerinnen) waren ihnen häusliche Tätigkeiten vorbehalten und durch ein intensives System der sozialen Kontrolle konnten sie Haus und Hof ohne männliche Begleitung nur kurz und mit bestimmten Aufgaben für die Familie verlassen. Jeder Kontakt mit anderen Männern führte zu Klatsch und die Väter und Brüder kontrollierten die Mädchen, um ihren „Ruf" und die Timi (Ehre) der Familie zu schützen. Unverheiratete Frauen und Witwen wurden wie Paria behandelt, in einigen Fällen sogar Vergewaltiger freigesprochen, weil die betroffenen Frauen „nicht Eigentum eines Mannes" waren. Vom politischen Leben waren Frauen weitgehend ausgeschlossen, galt doch ein öffentliches Auftreten von Frauen als Dropi (Schande).1

Ab Sommer 1942 begann unter der Führung von Aris Velouchiotis der Kampf der Partisan/inn/enarmee ELAS gegen die faschistische Besatzung, an dem sich bis zu 1,8 Millionen Männer und Frauen aktiv beteiligten. In Bezug auf die Situation der Frauen kam es in den befreiten Gebieten zu einer wahren Kulturrevolution, zum größten Bruch in den geschlechtsspezifischen Rollenmustern in der griechischen Geschichte. Gefördert von der Befreiungsbewegung EAM traten Frauen zum ersten Mal in großem Ausmaß in die öffentliche Sphäre ein. Als Mitglieder von EAM, aber auch von ELAS fühlten sich viele wie nie zuvor als politische Subjekte und erreichten durch ihre Widerstandstätigkeit Selbstbewusstsein, Gleichbehandlung und Wertschätzung, wie sie sie vorher nicht gekannt hatten.2

Die EAM hatte sich von Anfang an bemüht, Frauen massenhaft in den Widerstand einzubeziehen, sie auszubilden und zu ermächtigen, Fabrikarbeiterinnen in den Städten genauso wie die Frauen in den Dörfern. Auch wenn die EAM-Führung ebenso wie die der KKE von Männern dominiert war, so gab es mit Chrysa Chatzivasileiou, Kaiti Zevgou oder Rosa Imvrioti doch auch weibliche Führungskader, die vielen einfachen Aktivistinnen als Vorbilder diente. Und es gab männliche Kader wie Velouchiotis oder Dimitris Glinos, die ihre Autorität einsetzten, um traditionelle Verhaltensmuster zurückzudrängen und die Verbannung der Frauen in die Haushalte aufzubrechen.3

Die Gewinnung der Frauen für die EAM oder ihre Unterorganisationen erfolgte einerseits über familiäre oder schulische Kontakte, besonders über Brüder oder Schulkolleginnen, anderseits direkt über öffentliche Versammlungen oder in den von der EAM angesichts des Hungers organisierten Suppenküchen. Auch für solche Männer, die einer politische Aktivität der Töchter, Ehefrauen oder Schwestern vielleicht ursprünglich ablehnend gegenüber gestanden waren, war die Autorität der EAM in der Regel so stark, dass sie eine Organisierung der Frauen akzeptierten oder schließlich unterstützten. Besonders jugendlichen Frauen, die sich noch nicht so stabil in die traditionellen Geschlechterrollen eingefügt hatten, bot der radikale Geist des Widerstandes die Möglichkeit zu Initiativen und Aktivitäten. Viele organisierten sich in der Jugendorganisation EPON; in Thessalien beispielsweise waren in der Schlussphase der Besatzung 45% der EPON-Mitglieder weiblich. Aber auch die EAM hatte starke Elemente einer jugendlichen Organisation. Im Auftrag der EAM konnten sich Zehntausende junge Mädchen zum ersten Mal in großem Ausmaß außerhalb des Hauses bewegen, ohne von männlichen Familienmitgliedern kontrolliert zu werden. Auch etliche dörfliche Witwen wurden Aktivistinnen der EAM und konnten mit der Kraft der Organisation ihre soziale Ausgrenzung überwinden.4

Die Frauen in der Hilfsorganisation EA übernahmen nach Demonstrationen in den Städten die Bergung der Toten und die Versorgung der Verwundeten. Sie versorgten die Kämpfer/innen mit Essen, sie beschafften Nahrung und Unterkunftsmöglichkeiten für diejenigen, die sich vor den Besatzern im Untergrund verstecken mussten. Die jungen Frauen der EPON transportierten Waffen und Nachrichten in Stadtviertel und Dörfer, in Trupps aus je zwei jungen Mädchen und jungen Männern schrieben sie in der Nacht politische Parolen gegen die Besatzer und ihre Kollaborateure auf Hauswände, mit Hörnern kündigten sie Demonstrationen an, sie hielten Diskussions- und Rekrutierungstreffen ab, publizierten Flugblätter und erhielten in der Regel dieselbe militärische Ausbildung wie Männer. Bei all diesen Tätigkeiten kamen sie regelmäßig in Kontakt mit den männlichen Mitgliedern der EPON. Und in diesem gemeinsamen Kampf veränderten sich vergleichsweise rasch die traditionellen Rollenmuster. Frauen übernahmen politische Verantwortung wie nie zuvor und erhielten soziale Anerkennung wie nie zuvor. Eine EPON-Aktivistin aus Athen, die später von den Nazis nach Ravensbrück deportiert wurde, berichtet:

„Du bekamst deine Gleichheit, wenn du zeigtest, was du in Bezug auf Schwierigkeiten, Gefahren und Opfern aushalten konntest, mit derselben Tapferkeit und demselben Geschick wie ein Mann. Der Widerstand versuchte immer, die Frau neben den Mann zu stellen statt hinter ihn. Sie kämpfte einen doppelten Befreiungskampf. Und das erfasste natürlich viele Frauen."5

In den Städten wurden Zehntausende Schülerinnen und junge Arbeiterinnen in den Widerstandskampf involviert; sie entwickelten Selbstvertrauen und den Mut in politischen Versammlungen zu sprechen. In Textil- und Tabakfabriken in Piräus und Athen organisierten die jungen Arbeiterinnen der EPON eigenständig Streiks.6

Aber auch in den Bergen führte das Beispiel der EAM-Kader zu wesentlichen Veränderungen. Der EAM-Fotograf Spiros Meletzis beschrieb, unter welchen sklavenartigen Verhältnissen die linken Aktivist/inn/en die Dorffrauen vorfanden:

„Aber im Widerstand, in den Bergen, sollten sie sehen, wie die Männer aus der Stadt, die Anführer, sich gegenüber ihren Frauen verhielten, wie sie lebten, und langsam bekamen sie eine Lektion, dass auch die Frauen Rechte haben sollten. Sie soll nicht ihr ganzes Leben eine Sklavin sein. Und langsam begannen sie, bewusster zu werden."

Das Gerücht, egal ob erfunden oder auf einen tatsächlichen Vorfall gestützt, dass Velouchiotis einen ELAS-Kämpfer wegen mangelndem Respekt vor Frauen erschossen habe, wurde zu einem wichtigen Symbol für die Frauenpolitik der EAM. Die Botschaft war: Respektiert die Frauen oder sterbt! Im Kampf entstanden so in den befreiten Gebieten neue moralische Imperative und kulturelle Sanktionen gegen Reaktionäre.7

In den Bergen, außerhalb der Kontrolle von Familie und Dorfgemeinschaft, entwickelten sich im Rahmen eines gemeinsamen Kampfes auch freiere Beziehungen, die emanzipatorische Aspekte hatten, aber von den Führungen von EAM und ELAS teilweise auch als Problem gesehen wurden. Die vergleichsweise freien sozialen und sexuellen Verhältnisse führten auch dazu, dass immer wieder unverheiratete junge Frauen, die in der ELAS kämpften bzw. sie als Trägerinnen, Köchinnen, Krankenpflegerinnen unterstützten, schwanger wurden. In den konservativen Dorfgemeinschaften bedeutete das sowohl für die Frauen als auch für die Haltung gegenüber der ELAS ernste Probleme. Deshalb untersagte die ELAS-Führung Annäherungsversuche an Dorfbewohnerinnen und ahndete Belästigungen mit schweren Strafen. Innerhalb von ELAS und EAM wurde eine äußerst puritanische Moral gepredigt und sexuelle Beziehungen streng verboten.8

Eine Aktivistin vom Peloponnes kam zu folgender Einschätzung: „Wenn nicht so strenge Standards bestanden hätten, wären weder Frauen noch Mädchen der Organisation beigetreten noch hätten die Dörfler jemals die Kader und die Partisanen in ihre Häuser und dort schlafen gelassen noch wäre ich persönlich in der Lage gewesen, mein Haus zu verlassen und am Widerstand teilzunehmen. Die Leute wussten, dass romantische

Verwicklungen verboten waren."9

Beziehungen mussten der Organisation gemeldet werden und in manchen Fällen wurde das Paar geographisch getrennt. Die EAM übernahm eine disziplinierende Rolle, die üblicherweise den Eltern vorbehalten war. Es wurde argumentiert, dass sexuelle Beziehungen „dem Kampf schaden" würden und dem Gegner die Möglichkeit zur Propaganda gäben, dass EAM/ELAS eine „degenerierte Gesellschaft" anstrebten.10 Eine ELAS-Kämpferin fasste die Situation zusammen:

„Romantische Involvierungen waren völlig verboten, denn unser Ziel (...) war auch, den Leuten als Beispiel zu dienen, den Widerstand für sie attraktiv zu machen. (...) Wenn eine Bäuerin ein Mädchen mit Gewehr und Uniform sah, musste das Mädchen ein gutes Beispiel geben. Denn die Bäuerin hatte ihre alten, traditionellen Einstellungen, die über Generationen weiter gegeben worden waren. Deshalb musste unser Verhalten zu jedem Zeitpunkt über jeden Zweifel erhaben sein. (...) Von uns allen wurde erwartet, dass wir unsere Romanzen erst nach der Befreiung haben. Mein Mann und ich trafen uns dort (bei der ELAS, Anm.) in Viniani.

Wir kannten uns, aber wir hatten nichts laufen. Wir versprachen uns für unmittelbar nach der Befreiung."11

In der stalinistischen Partei KKE, die in EAM und ELAS dominierte, wurde das etwas lockerer gehandhabt, allerdings standen hier Beziehungen stark unter der Kontrolle der Organisation und es gab in einigen Fällen sogar Ausschlüsse wegen außerehelichen Liaisonen. Insgesamt empfanden die allermeisten Frauen, dass sie in EAM und KKE gleichberechtigt und nicht diskriminiert waren (und im Vergleich zu diversen anderen Strukturen der griechischen Gesellschaft hatte das auch eine gewisse Richtigkeit), und deshalb empfanden sie oft eine besonders tiefe Loyalität gegenüber der Partei.12

Unter den von den Dorfversammlungen gewählten Volksrichter/innen waren auch zahlreiche Frauen, ebenso in den neu aufgebauten Verwaltungsstrukturen. Als Ende April 1944 in den befreiten Gebieten ebenso wie den noch unter Besatzung stehenden von über einer Million Menschen der Nationalrat PEEA gewählt wurde, konnten erstmals in der griechischen Geschichte auch Frauen bei einer Wahl teilnehmen.13

Die Hilfsorganisation EA, in der vor allem Frauen tätig waren, leistete Beispielloses. Sie sammelte in den Städten große Geldbeträge, die zur Unterstützung von Angehörigen von Verhafteten oder Exekutierten verwendet wurden und für den Wiederaufbau von niedergebrannten Dörfern. Außerdem gründete die EA in den befreiten und teilweise sogar in den besetzten Gebieten mindestens 163 Volkskrankenhäuser und -sanatorien, über 670 Untersuchungspraxen, 1.253 Volksapotheken und 1.170 andere gemeinnützige Einrichtungen (Kindergärten etc.), was für die damaligen Verhältnisse in Griechenland, besonders für die ländlichen Gebiete riesige Errungenschaften darstellten.

Dazu kam auch noch eine breite Alphabetisierungskampagne, in deren Rahmen bekannte Pädagog/inn/en „politisch bewusste" Lesebücher verfassten; das für die Mittelstufe erreichte allein in der Provinz Mazedonien eine Auflage von etwa 100.000 Exemplaren.14 Da viele Lehrer/innen der EAM angehörten, hatte man/frau auch die personellen Ressourcen für eine breite Bildungskampagne. Die Leiterin der öffentlichen Schulen der PEEA war Irini Stratiki.15

Von diesen Bildungsprogrammen profitierten die Frauen und Mädchen besonders. Aufklärend tätig waren auch EAM-Theatergruppen unter der Ägide des prominenten Schriftstellers und Intellektuellen Vasilis Rotas. In den in den Dörfern gespielten Stücken gab es oftmals einen Charakter, der seine Frau als dumm und minderwertig hinstellte. Die Bemerkungen dieser Figur wurden schließlich entlarvt und lächerlich gemacht, sodass das dörfliche Publikum johlte und mit den Füßen trampelte.16

Erhebliche Veränderungen gab es generell in Hinblick auf die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern. Die wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, die in der Zwischenkriegszeit begonnen hatten und sich ab 1941 beschleunigt hatten, unterminierten die Ideologie der patriarchalen Familie ohnehin. Die Unfähigkeit der Männer, „ihre" Frauen zu beschützen, schwächte auch die Kontrolle über sie.17

Dazu kam nun eine bewusste Politik der EAM. Die PEEA legt fest, dass „gleicher Lohn für gleiche Arbeit" gezahlt werden musste.18 In der weitverbreiteten Broschüre Laokratia (Volksherrschaft) wurde gefordert, dass „die Frau aufhört, Sklavin des Mannes und des Hauses zu sein". Dem wurde auch in der Praxis Rechnung getragen und etwa besonders patriarchale Männer in Dörfern zurecht gewiesen. In einer spezielle Broschüre über die Aufgaben der Frauen in der EAM wurde auch angestrebt, dass Frauen im Kampf nicht nur eine Hilfsfunktion, sondern auch im bewaffneten Kampf „eine herausragende Rolle spielen".19

Anfang 1944 wurde in Viniani, dem Zentrum der befreiten Gebiete, die erste rein weibliche Musterkompanie aus EPON-Aktivist/inn/en aufgestellt, geführt von der Athenerin Meni Pappailiou, die unter ihrem Kampfnamen Thiella (Sturm) in vielen Schlachten mit den Besatzern bereits eine legendäre ELAS-Kämpferin geworden war. Pappailiou trug verschiedene Uniformteile von Wehrmachtssoldaten, die sie eigenhändig getötet hatte. Sie starb noch 1944 in den Dezemberkämpfen um Athen zwischen Einheiten der ELAS und der britischen Armee. Eine andere führende Andartissa war Koula Danou, die später im Bürgerkrieg verwundet und schließlich 1949 vom rechten Regime exekutiert wurde.20

Schließlich wurde in jeder ELAS-Division eine solche weibliche Musterkompanie formiert. In der militärischen Ausbildung wurden oft auch Wettkämpfe zwischen weiblichen und männlichen Rekrut/inn/en durchgeführt, bei denen sich oft die äußerst engagierten Frauen durchsetzten; diese militärischen Bewerbe wurden von der Führung gezielt als pädagogische Maßnahme eingesetzt, um den angehenden Partisanen von Anfang an den nötigen Respekt gegenüber den Mitkämpferinnen beizubringen. Kombiniert mit dem selbstbewusster gewordenen Auftreten und der Propaganda der EAM-Führung hatte das auch tatsächlich entsprechende Wirkung. Trotz aller Anstrengungen waren bewaffnete ELAS-Kämpferinnen aber dennoch nicht die Regel; insgesamt waren nur ein Prozent der Bewaffneten der ELAS Frauen, in der ELAS-Reserve etwa 10%.21

Die meisten Frauen waren weiter in den Hilfsfunktionen der EA und im politischen Kampf der EAM aktiv. Trotz der Bemühungen von Chatzivasileiou und anderen war das vorherrschende Frauenbild in EAM und ELAS nicht das von bewaffneten Kämpferinnen, sondern das von politischen Aktivistinnen, von Krankenschwestern und Müttern der Kämpfer. Und in den ELAS-Einheiten in den Bergen gab es – im Gegensatz zu den diesbezüglichen Hetzkampagnen der griechischen Rechten – wie erwähnt nur eine sehr partielle sexuelle Befreiung. Dennoch ist in den befreiten Gebieten in den Jahren 1942-44 in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse erhebliches in Bewegung geraten. Und trotz individueller Widerstände einzelner Familienoberhäupter sind die emanzipatorischen Ansätze bei der Mehrheit besonders der jungen Generation auf große Zustimmung gestoßen.22

Bei dieser Ermächtigung von Frauen und Mädchen, ihrem erstmaligen breiten Eintritt in die politische Sphäre, die für die Involvierten auch eine wichtige Prägung für ihr weiteres Leben, ihre Haltungen und ihre Selbstwahrnehmung werden sollte, spielten die linken Widerstandsorganisationen eine zentrale Rolle. Die EAM hatte Fragen der Frauenbefreiung auf die Tagesordnung gesetzt, die erst nach dem Sturz der Militärjunta 1974 wieder in die griechische Politik zurückkehren sollten. Die soziale Bewegung und die Selbsttätigkeit im Kampf haben das Rollenverhalten der Beteiligten erheblich beeinflusst. Und trotz des Roll-Backs ab 1945 waren die Erfahrungen des Widerstandes aus dem Bewusstsein der engagierten Frauen nicht mehr auszulöschen, wie ehemalige EAM-Aktivistinnen von der konservativen Peloponnes rückblickend deutlich machten:

„Ohne den Widerstand wäre ich ein niemand. (...) Der Widerstand gab uns Flügel. Er gab mir eine Perspektive auf die Welt und ich erkannte, dass unsere Probleme Teil von etwas Größerem waren. Er öffnete unsere Augen für Dinge wie Gerechtigkeit und die Gleichheit der Frauen." „Wenn heute von Gleichheit und Autonomie und Selbstbestimmung gesprochen wird, ist das nichts Neues für uns. Wir lebten diese Dinge im Widerstand und wir lebten sie als einfache Leute."23

Die KKE unterstützte den Ausbau der Laiki Exousia (Volksmacht), allerdings sollte die PEEA explizit nicht zur allein rechtmäßigen Regierung des Landes erklärt werden, hätte das doch der von den Alliierten anerkannten Exilregierung die Legitimität abgesprochen. Das war Ausdruck einer systematischen Kompromisspolitik gegenüber der griechischen und britischen Kapitalist/inn/enklasse in Folge des von der KKE vertretenen Volksfront-Konzeptes mit der angeblich „demokratischen Bourgeoisie". Sozialrevolutionäre Entwicklungen in den befreiten Gebieten wurden von der KKE gebremst, um die bürgerlichen Bündnispartner nicht zu verschrecken. Versuche von Velouchiotis, die königstreuen EDES-Verbände (die „griechischen Cetniks"), die von Großbritannien unterstützt wurden und gleichzeitig mit den Nazis kollaborierten, zu zerschlagen, wurden von der KKE-Führung um Giorgos Siantos und Ioannis Ioannidis unterbunden. Der Widerstandskampf wurde von der KKE-Spitze in erster Linie als nationaler Befreiungskampf (und nicht als soziale Emanzipation) verstanden.

Für diese nationale Ausrichtung sollten insbesondere die Frauen einen hohen Preis zahlen. In der Phase unmittelbar nach dem Abzug der Wehrmachtstruppen kam es zu Übergriffen gegen Frauen, die sich mit deutschen Soldaten eingelassen hatten. In zahlreichen Orten im ganzen Land wurden solchen Frauen die Haare geschoren und sie wurden auf öffentlichen Plätzen Demütigungen und Gewalttätigkeiten ausgesetzt.24

Betroffen waren vor allem Frauen aus den armen Bevölkerungsschichten in Städten, die sich aufgrund der Not und des verbreiteten Hungers – meist für etwas Lebensmittel – zu sexuellen Kontakten mit Besatzungssoldaten hergegeben hatten. Während gleichzeitig die zahlreichen Unternehmer (fast immer Männer), die mit den Besatzern gute Geschäfte gemacht hatten, unbehelligt blieben, reagierte man(n) die Verbitterung über die erlittene Unterdrückung unter der Besatzung nun an denjenigen ab, die sich am wenigsten wehren konnten. Damit ging es bei den Übergriffen nicht hauptsächlich um Kollaboration, sondern vor allem um einen patriachalnationalistischen Besitzanspruch. Die Frauen, die sich Wehrmachtssoldaten verkauften, waren sicherlich solche ohne politisches Bewusstsein. Sie fielen mit ihrem Verhalten auch der viel größeren Gruppe von Frauen in den Rücken, die in der gleichen sozialen Situation unter großen Entbehrungen den Kampf von EAM und ELAS unterstützten.

So richtig es war, auch gegen eine solche Form der Kollaboration einzutreten, so sehr hätte sich eine revolutionäre Bewegung gleichzeitig aber auch gegen die sexistischen Übergriffe in der Phase der Befreiung stellen müssen. Die Übergriffe gegen die Frauen, die sich den Besatzern prostituiert hatten, dürften in der Regel spontan entstanden sein, scheinen aber von der EAM zumindest toleriert worden zu sein. Während der Besatzung dürfte sich aber teilweise auch die ELAS am Scheren der Haare von Frauen, die ihre Körper an Besatzer verkauft hatten, beteiligt haben.25 Es soll sogar Fällen gegeben haben, wo EAM-Kader vorgeschlagen hätten, Frauen, die sich an Besatzungssoldaten prostituiert hatten, ein P für Poutana (Hure) auf die Stirn zu brennen. Die EAM soll das Verhalten dieser Frauen als „Angriff auf die nationale Würde" verstanden haben.26

Noch schlimmere Folgen hatte die „nationale" Politik von KKE/EAM aber für die eigenen Anhängerinnen. Nach dem Abzug der faschistischen Besatzer im Oktober 1944 kontrollierte die ELAS etwa 90% des Landes. Aber anders als die jugoslawischen Partisan/inn/en übernahmen sie nicht selbst die Macht, sondern übergab sie – entsprechend den Vorgaben aus Moskau – den „demokratischen Alliierten" der Sowjetunion. Die von der EAM freundlich begrüßten britischen Landungstruppen beeilten sich, die rechtsextremen Kollaborationsverbände mit den NS-Besatzern („Sicherheitsbataillone", Evzonen, Organosi X, PAO etc.) zu reorganisieren. Die britische Interventionsarmee formierte aus ihnen und den zuvor in Ägypten stationierten griechischen Armeeeinheiten, deren Einsatz gegen die Besatzer die britischen Armeeführung verhindert hatte und die schließlich von zehntausenden Linken gesäubert worden waren, den neuen Staatsapparat in Griechenland.

Statt der vom Großteil der Bevölkerung erhofften Freiheit und der von der KKE-Führung versprochenen „demokratischen Entwicklung" entwickelte sich ein neues rechtsextremes Regime. Fast jede Nacht wurden KKE- oder EAM-Mitglieder beziehungsweise mutmaßliche Sympathisant/inn/en von faschistischen Schlägern der Organosi X überfallen, und Polizei und britische Einheiten schauten dem tatenlos zu. Die ELAS-Einheiten waren – in der Logik des Kompromisses – angewiesen, nicht aktiv zu werden. Besonders betroffen waren auch hier Frauen, da die Rechte die politisch aktiven Frauen als Feinde des griechischen Staates und der griechischen Familie ansahen. Die rechtsextremen Banden vergewaltigten (wie schon unter dem Besatzungsregime) immer wieder EAM-Anhängerinnen.27 Dabei ging es den faschistischen Schergen nicht nur um diesen Gewaltakt an sich, sondern – in der patriarchalen Logik – auch um die Demütigung und „Schändung" (im Sinne von Schande zufügen) der Frauen und ihrer Familien.

Als Anfang Dezember 1944 in Athen eine EAM-Demonstration mit 500.000 Teilnehmer/innen von der rechtsextremen Stadtpolizei stundenlang beschossen wurde, war der Druck der EAM-Basis zur Gegenwehr überwältigend und es kam zur wochenlangen Schlacht um Athen. Während die ELAS auf Weisung der KKE-Führung erneut nicht um den Sieg kämpfte, sondern nur um eine „demokratische" Beteiligung an der Regierung, anfänglich der Konfrontation mit den britischen „Verbündeten" auswich und so wichtige Startvorteile verspielte, zog die britische Führung immer mehr Einheiten von der italienischen Front gegen die Wehrmacht ab, um die griechischen Partisan/inn/en entscheidend zu schlagen. Athen wurde von der Air Force massiv bombardiert und in der Hauptstadt entwickelte sich ein verbissener Stellungskrieg. Unter den ELAS-Partisan/inn/en in Athen befanden sich auch zahlreiche junge Frauen. Bei den Kämpfen um das Hauptquartier der Royal Air Force haben mehrere Hundert Luftwaffensoldaten vor einer 2.000 "Mann" starken ELAS-Einheit kapituliert, wobei die Briten dann aber "schockiert" feststellten, dass viele ihrer bewaffneten Bezwinger/innen die Frauen waren, denen sie in den Wochen zuvor nachgestellt hatten.28

Aufgrund der halbherzigen Strategie ging die Schlacht um Athen für die ELAS schließlich verloren. Die zuvor so mächtigen Arbeiter/innen/organisationen in Athen und Piräus wurden von der britischen Armee und ihren faschistischen Verbündeten zerschlagen. Darüber hinaus unterschrieb die EAM/KKE-Führung Anfang Februar 1945 auch noch den Vertrag von Varkiza, in dem sie sich zur Demobilisierung der ELAS und zur Abgabe der Waffen verpflichtete. Damit wurden auch die restlichen Landesteile dem rechten Terror ausgeliefert. Im Jahr nach Varkiza wurden nach Angaben der EAM 1.192 Linke ermordet, 159 EAM- oder KKE-Sympathisantinnen vergewaltigt, 6.413 Personen von rechten Schlägern verletzt und 551 Büros und Druckereien verwüstet.29

Anfang 1947 wurden in einem Memorandum an die UNO für die Jahre 1945-46 211 Vergewaltigungsfälle von (mutmaßlichen) EAM-Sympathisantinnen angegeben. Diese Zahlen drücken freilich nur einen Bruchteil der tatsächlichen Vergewaltigungen aus, da die große Mehrheit der betroffenen Frauen aus Scham über die Vorfälle schwieg und die EAM- und KKEFührungen gar nicht davon erfuhren. Das Thema wurde lange Zeit auch kaum aufgearbeitet, sodass nie bekannt werden wird, wie viele Frauen diese erniedrigenden Gewalttaten erlitten. Mündliche Erinnerungen beschreiben für die sogenannte Zeit des weißen Terrors (1945-46) Vergewaltigungen als generelle Praxis der rechten Paramilitärs.30

Die Wahlen im Frühjahr waren eine Farce; Frauen waren davon generell ausgeschlossen. Auf der ersten landesweiten Frauenkonferenz, die Ende April 1946 von der EAM unter der Führung von Imvrioti und Maria Svolou in Athen organisiert wurde und an der Delegierte der neu formierten Frauengruppen aus verschiedensten Dörfern und Städten teilnahmen, wurde aus allen Landesteilen eine erschreckende Situation geschildert. Frauenzentren der EAM wurden von rechten Banden verwüstet. Tausende bekannte EAM-Aktivistinnen, die nach Varkiza von der ELAS auch nicht mehr verteidigt werden konnten, mussten sich verstecken. Frauen, die aus dem Nazi-KZ Ravensbrück zurückkamen, wurden schikaniert und misshandelt.31

Delegierte aus Kalamata fassten zusammen: „Obwohl wir unsere Kinder, unsere Männer, unsere Geschwister, unsere Häuser und Leben für die Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes geopfert haben, (...) sind wir nun die Opfer der unglaublichsten Verfolgung, Erniedrigung und Folter. Sie töten uns, sie vergewaltigen uns, sie schneiden unsere Haare ab, sie machen uns öffentlich lächerlich. Unser Leben wurde zu einer permanenten Anklage."32

Konfrontiert mit systematischem Terror und der Gefahr der landesweiten Vernichtung der Partei setzte die KKE-Führung, jetzt unter Leitung des aus dem KZ Dachau zurückgekehrten Nikos Zachariadis, auf die Neuformierung der bewaffneten Verbände. Allerdings wurde ihr Kampf vorerst erneut nur als Druckmittel eingesetzt, was die nun ohnehin bereits ungünstigen Ausgangsbedingungen weiter verschlechterte. Viele mutmaßlichen Sympathisant/inn/en wurden von der rechtsextremen Regierung präventiv verhaftet.

Die Gefängnisse reichten bald nicht mehr aus und es wurden zunehmend Internierungslager ausgebaut.

Die meisten gefangenen Frauen wurden zuerst nach Tinos und Chios verbannt, dann auf Trikeri nahe Volos interniert, wo zum Höhepunkt im Sommer 1949 etwa 4.700 Frauen und Kinder eingesperrt waren. 1.200 „unbelehrbare" Frauen wurden schließlich Anfang 1950 auf die Felseninsel Makronisos überführt, wo das Regime ein KZ-ähnliches Lager betrieb. Unter den Gefangenen waren alte Frauen, die als Mütter von EAM-Aktivist/inn/en verschleppt worden waren, ebenso wie viele junge Mädchen; die jüngsten, die wegen eigener politischer Aktivität und nicht mit ihren Müttern eingesperrt wurden, waren gerade einmal 12 Jahre alt.33

Die weiblichen Gefangenen wurden von Männern bewacht, und sie litten zusätzlich unter sexuellen Misshandlungen. Frauen, die außerhalb des Hauses aktiv wurden, waren im reaktionären Weltbild der griechischen Rechten „öffentliche Frauen", was gleichbedeutend mit Prostituierten war. Militärgerichte verwendeten solche Begrifflichkeiten. Politische Aktivistinnen wurden von der Rechten nicht nur als Verräterinnen an der griechischen Nation, sondern auch als Schande für die griechischen Familien dargestellt. Das Regime arbeitete systematisch an der neuerlichen Entfernung der Frauen aus dem politischen Leben. Aktive Frauen in den Dörfern wurden ermordet, zur Flucht in ein verstecktes Leben in größeren Städten gezwungen oder zumindest durch Terror zum Schweigen und zur Rückkehr zu einer traditionellen Rolle gebracht.

Die Rechte versuchte aus dem Ehrentitel Synagonistria (Mitkämpferin) aus der Zeit der Resistance ein Synonym für eine Frau mit einer „losen Moral" zu machen. In einem rechten Lied hieß es, dass die Andartisses sexuelle Beziehungen mit vielen Männern hätten und dass sie nicht wüssten, wer der Vater ihrer Kinder sei. Unverheiratete DSE-Kämpferinnen, die gefangen genommen wurden, wurden einer zwangsweisen gynäkologischen Untersuchung unterzogen, in der ihre Jungfräulichkeit überprüft wurde. Die inhaftierten Frauen mussten sich oftmals nackt ausziehen, wurden als Poutanes beschimpft, sexuell belästigt und in zahlreichen Fällen vergewaltigt. Von der rechten Propaganda als ohnehin bereits „entehrt" stigmatisiert, wurde gefangene linke Frauen von rechtsextremen Milizionären, von Gendarmen und Soldaten der Nationalen Armee gefoltert und vergewaltigt, an ihren Körpern realisierten sie sadistische und demütigende sexuelle Fantasien. Diese Zerstörung der persönlichen Integrität und Ehre wurde von den Frauen als ultimative Erniedrigung und als ebenso schlimm wie der Tod erlebt.34

Die erste Frau, die vom modernen griechischen Staat exekutiert wurde, war die slawomazedonische Lehrerin Mirka Ginova (mit dem offiziellen griechischen Namen Irini Gini), die im Juli 1946 als EAM-Unterstützerin und „unpatriotisches Element" gemeinsam mit zwölf Genossen hingerichtet wurde.35 Zwischen 1948 und 1949 wurden im Averoff-Gefängnis in Athen 17 EAM-Aktivistinnen exekutiert, darunter die 16-jährige Maria Repa. In diesem Gefängnis war es üblich, für die nächsten Tage eine Hinrichtung anzukündigen, ohne den Namen der betroffenen Frau zu nennen, sodass sich alle auf die eigene Ermordung einstellen mussten, Abschiedsbriefe an die Familie schrieben etc. Teilweise wurden angekündigte Exekutionen immer wieder verschoben; Maria Sideri aus Kozani etwa, die 14 Jahre inhaftiert war, verbrachte 12 Jahre in der Todeszelle.36

Angesichts der massiven US-Unterstützung für die rechtsextreme griechische Regierung gerieten die Partisan/inn/en, die nun als DSE (Demokratische Armee Griechenlands) firmierten, immer mehr in die Defensive. Rekrutierungsprobleme waren dann auch ein Grund dafür, dass der Anteil der Frauen an den DSE-Kämpfer/innen im Jahr 1948 auf 12-15%, im Jahr 1949 dann sogar auf 30% ansteigen sollte.37 Ein Motiv für Frauen, sich den Kampfverbänden anzuschließen, war auch die Angst vor Vergewaltigungen, wenn sie in Dörfern zurückblieben.38

Mit den Frauen gingen, unter dem Druck von staatlicher Repression und Sippenhaftung, oft auch die Kinder mit in die Berge. Viele Andartisses, die während des Krieges Kinder zur Welt brachten, brachten die Kinder aber auch bei Verwandten unter und kehrten gemeinsam mit ihren Männern in die Kampfverbände zurück. In dieser Extremsituation des Guerillakampfes erodierten teilweise auch traditionelle Familienstrukturen. Im Fall von Liebesbeziehungen von unverheirateten Frauen drängten die Führungen von DSE und KKE auf sofortige Heirat.

Anders als in der ELAS wurden in der DSE keine eigenen Fraueneinheiten gebildet. Allerdings gab es weibliche Offiziere, die in der Regel den politischen Kommissaren zur Seite standen, und es gab gesonderte Treffen der weiblichen Kader, die sich mit frauenspezifischen Fragen beschäftigten. Außerdem begann die DSE mit der Herausgabe einer eigenen Frauenzeitung, Machitria, und organisierte eigene Frauenvereinigungen, die auch nach der Niederlage der Partisan/inn/en weiter bestanden.39

Nach dem Rückzug der DSE aus umkämpften Gebieten kam es dann auch zu besonders barbarischen Übergriffen von Militär und rechten Milizen gegen die Teile der Zivilbevölkerung, die in Verdacht standen, mit den Aufständischen zu sympathisieren. So wurde in Kastoria eine junge Gefangene, nachdem sie zuvor brutal geschlagen wurde, gezwungen, auf einem Platz der Stadt zu stehen und dabei die abgetrennten Köpfe ihres Onkels und ihres Schwagers in den Händen zu halten.40 Frauen, die oder deren Familien als Sympathisant/inn/en der DSE verdächtigt wurden, wurden oftmals die Haare abgeschnitten, in vielen Fällen wurden sie auch schwer verletzt.41

Frauen wurden in Dörfern gezwungen, sich öffentlich nackt auszuziehen (was in den puritanischen griechischen Dorfgesellschaften schon eine extreme Schande bedeutete). Die zahllosen Vergewaltigungen fanden oft nach den Angriffen der Rechten auf Dörfer statt, die Täter waren meist Gendarmen oder rechte Paramilitärs, aber auch Soldaten der Nationalen Armee, wobei sowohl Einzel- als auch Gruppenvergewaltigungen dokumentiert sind. Dabei ging es nicht nur um die Erniedrigung der Opfer und ihrer Angehörigen, sondern auch um die Zerstörung des Zusammenhalts der Gemeinschaft. Deshalb fanden Vergewaltigungen oft in der Öffentlichkeit statt – mitten auf dem Dorfplatz oder in Häusern unter der oft gezielt hergestellten Anwesenheit der engsten Verwandten.

Eine besondere Zielscheibe stellten die Frauen der oft mit der Linken sympathisierenden slawomazedonischen Minderheit dar. Beispielsweise waren im Gebiet von Kastoria fast alle Dörfer, in denen Frauen vergewaltigt wurden, slawomazedonische Dörfer; und die meisten Täter waren Rechte aus griechischsprachigen Nachbardörfern.42

Die Niederlage im Bürgerkrieg im Sommer 1949 bedeutete die landesweite Zerschlagung der Arbeiter/innen/bewegung und ein fortgesetztes rechtsextremes Regime bis Anfang der 1960er (und schließlich bis Mitte der 1970er Jahre). Besonders in den ländlichen Gebieten herrschte der kombinierte Terror von Gendarmerie und rechtsextremen Milizen. Sie schlugen (angebliche) Regimegegner/innen zusammen oder brannten ihre Häuser nieder. Besonders schlimm war die Situation für zurückgebliebene (minderjährige) Töchter von Partisan/inn/en, die unter der rechten Terrorherrschaft in den Dörfern und ohne den Schutz von männlichen „Familienvorstehern" systematischen sexistischer Gewalt, von Belästigungen bis hin zu Vergewaltigungen, ausgesetzt waren.

Da in der rechten Propaganda EAM-Teilnahme mit moralischer Degeneration gleichgesetzt wurde und ein „guter Familienname" und ein „unzweifelhaftes Betragen" für Frauen im Heiratsalter, auch angesichts des Mitgiftsystems, wesentlich war, konnte eine EPON-Mitgliedschaft oder eine zeitweilige Inhaftierung nur allzu leicht zur Infragestellung der Jungfräulichkeit führen und damit die Chancen auf einen Heiratsvertrag herabsetzen.43 Heiratserlaubnisse wurden noch bis Anfang der 1960er Jahre nur erteilt, wenn die Brautleute in öffentlichen Erklärungen in Regionalzeitungen ihre Eltern, die in der EAM gewesen waren, als staatsfeindliche Verbrecher/innen brandmarkten.

Die etwa 600 Frauen, die auch nach 1951 weiter inhaftiert blieben, wurden wieder nach Trikeri gebracht, wo sie in jämmerlichen Zelten vegetieren mussten. Trotzdem wurden auch in Trikeri die etwa 350 Frauen, die nicht lesen und schreiben konnten, von 54 inhaftierten Lehrerinnen unterrichtet, Schulungen durchgeführt etc. Viele Frauen hatten aber nach den langen Entbehrungen gesundheitliche Probleme, bei etlichen setzte die Periode völlig aus, etliche hatten gynäkologische Probleme. Denjenigen, die mit ihren Kindern eingesperrt waren, wurde immer wieder mit der Ermordung der Kinder gedroht, um sie zum Unterschreiben von Reueerklärungen zu zwingen. Manche wurden bis zu 15 oder 20 Jahre festgehalten.44

Bei Protesten gegen die Misshandlungen in den Gefängnissen spielten besonders Mütter, Schwestern und Ehefrauen von politischen Gefangenen eine wichtige Rolle. Die KKE-Führung hatte mit ihrer Unterordnung unter das Moskauer Abkommen und ein angestrebtes Bündnis mit der „demokratischen Bourgeoisie" die griechische Arbeiter/innen/bewegung, die nach einem heroischen Befreiungskampf 1944 das Land kontrollierte, in eine vernichtende Niederlage geführt. Die Folgen davon hatten in besonderem Ausmaß die griechischen Frauen zu tragen, die in EAM und ELAS wie nie zuvor zu einem politischen Subjekt geworden waren.

Was das für die griechischen Frauen bedeutet hätte, wenn sich die KKE nicht an die Vorgaben aus Moskau gehalten und 1944 wie die jugoslawische KP die Macht übernommen hätten, sind Fragen, die natürlich gestellt werden können. Eine Entwicklungsmöglichkeit wäre dann sicherlich ein bürokratischer „Sozialismus" á la Jugoslawien gewesen, in dem einerseits Frauenbefreiung proklamiert und auch etliche Rechte durchgesetzt, andererseits aber auch spießige Mütterlichkeits- und Moralvorstellungen reproduziert worden wären.

Ein solches System hätte aber in Griechenland viel schwerer stabilisiert werden können als in anderen Ländern des Balkans, denn immerhin war das Land im Moskauer Abkommen dem Westen zugesprochen worden. Eine Machtübernahme der Arbeiter/innen/bewegung in Griechenland 1944 hätte einen Bruch mit dem Nachkriegsdeal von USA, Großbritannien und der sowjetischen Führung bedeutet, die Loyalität der italienischen KP gegenüber den sowjetischen Vorgaben in Frage und eine Ausweitung der revolutionären Nachkriegsentwicklung auf die Tagesordnung gestellt. EAM und ELAS hätten einen solchen Bruch nur gestützt auf massive Mobilisierungen der Lohnabhängigen und armen Bauern/Bäuerinnen durchführen können. Die Basis dafür, die Verankerung in der Gesellschaft, war in Griechenland noch viel mehr vorhanden als in Jugoslawien. Ob dann, nach erfolgreichen Massenaktivitäten gegen eine imperialistische Intervention, eine bürokratische Kanalisierung – auch bezüglich der Frauenbefreiung – so leicht möglich gewesen wäre oder ob die Tür zu einem arbeiter/innen/demokratischen Sozialismus aufgestoßen worden wäre, muss offen bleiben.

Julia Masetovic

Neu zusammengestellte und bearbeitete Auszüge aus: Erik Eberhard: Revolution und Konterrevolution in Griechenland, Entwicklung von Klassengesellschaft und Arbeiter/innen/bewegung in den letzten 100 Jahren, herausgegeben von der Arbeitsgruppe Marxismus, Wien 2005, 592 Seiten

Fußnoten

1 Janet Hart: New Voices in the Nation: Women and the Greek Resistance, 1941-1964, New York 1996,

S. 152-156 und S. 159-162

2 Tasoula Vervenioti: Left-Wing Women between Politics and Familiy, in: Mark Mazower (Hg).: After the

War Was Over, Reconstructing the Family, Nation and State in Greece, 1943-1960, Princeton 2000, S.

105

3 Hart, a.a.O., S. 85, S. 103f und S. 137

4 ebd., S. 147 und S. 163-166 und Vervenioti: Left-Wing..., a.a.O., S. 105

5 Hart, a.a.O., S. 167-171, S. 96 und S. 199f

6 ebd., S. 200 und S. 210

7 ebd., S. 200-203

8 Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 109

9 Hart, a.a.O., S. 204

10 Hart, a.a.O., S. 203 und Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 109

11 Hart, a.a.O., S. 178f

12 Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 109 und Tasoula Vervenioti: Diplo Vivlio, Athina 2003, S. 78 und S.

149f

13 Hagen Fleischer: Im Kreuzschatten der Mächte, Griechenland 1941-1944, Frankfurt/Main 1986, S. 474

und Hart, a.a.O., S. 95 und S. 210

14 Fleischer, a.a.O., S. 402f

15 Hart, a.a.O., S. 114, S. 192 und S. 207

16 ebd., S. 207-209

17 Vervenioti, Left-Wing Women..., S. 108

18 Eleni Stamiris: Die Frauenbewegung in Griechenland, in: Argument Autonome Frauenredaktion (Hg.):

Die Frauenbewegung in der Welt, Bd. 1: Westeuropa, Berlin / Hamburg 1988, S. 115

19 Fleischer, a.a.O., S. 403

20 Hart, a.a.O., S. 173-180

21 ebd. und S. 207 und Vervenioti, Diplo..., S. 155

22 Fleischer, a.a.O., S. 404f

23 Hart, a.a.O., S. 151, S. 212, S. 226f und S. 234

24 Tasoula Vervenioti: I gynaika tis antistasis, Athina 1994, S. 151f

25 Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 111

26 Agis Stinas: Selections from „Memoirs – Sixty Years under the Flag of Socialist Revolution", in:

www.geocities/CapitolHill//Lobby/3909/stinas/stinas_mem_en_v0_95.zip, S. 91

27 Siehe dazu auch: Vervenioti, I gynaika..., a.a.O., S. 126-128 und Hart, a.a.O., S. 240f

28 Ronald H. Bailey: Der Partisanenkrieg, Eltville/Rhein 1994, S. 182

29 Polymeris Voglis: Becoming a Subject, Political Prisoners during the Greek Civil War, New York / Oxford

2002, S. 56

30 Riki van Boeschoten: The Trauma of War Rape, in: History and Anthropology, 2003 Vol. 14 (1), S. 43f

31 Hart, a.a.O., S. 245f und S. 249f

32 ebd., S. 246

33 ebd., S. 106-108 und Hart, a.a.O., S. 240 und S. 259 und Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 115

34 Voglis, a.a.O., S. 136f, Hart, a.a.O., S. 147 und S. 237 und Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 112f

35 Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 115

36 Hart, a.a.O., S. 252-254

37 Vervenioti, Diplo..., a.a.O., S. 60 und S. 155

38 van Boeschoten, a.a.O., S. 43

39 Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 114 und S. 116

40 Voglis, a.a.O., S. 137

41 Vervenioti, Left-Wing..., a.a.O., S. 113

42 van Boeschoten, a.a.O., S. 44

43 Hart, a.a.O., S. 241f

44 Hart, a.a.O., S. 259, S. 161f und S. 265

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