Laufsportideologie. Oder: Gegen die "natürliche" Betrachtungsweise des Sports

 

15. April 2002

In Wien steht der alljährliche Marathonlauf vor der Tür. Die mediale Laufbegeisterung erreicht damit in Österreich ihren unvermeidlichen Höhepunkt. Dazu einige Überlegungen von Maria Pachinger, die selbst mehrere Marathons absolviert hat.

Sportliche Betätigung hat nach kapitalistischer Logik eindeutig in die Kategorie "Privatvergnügen" zu fallen, also in die Freizeit der Beschäftigten. Jeder habe schließlich selbst dafür zur sorgen, dass es ihm gut geht, so die Devise. Bei der Arbeit wird die zu leistende Leistung vorgeschrieben, die Erreichbarkeit dieser Vorgabe, die Leistungsfähigkeit, muss von der Arbeiterin / vom Arbeiter selbst gewährleistet werden – sie/er muss sich in ihrer/seiner Freizeit von und für die Arbeit erholen. Die "freie" Zeit wird so in den Dienst der Arbeitszeitgestellt. Dummerweise macht der unselige "Faktor Mensch" dieser reibungslosen Logik des Kapitalismus einen Strich durch die Rechnung. Zumindest belegen Statistiken der Rentenversicherer, dass nur ein Drittel aller Beschäftigten arbeitend das Rentenalter erreicht. Ausschlaggebend dafür sind, laut des Verbandes der deutschen Rentenversicherungsträger, neben diversen Erkrankungen des Bewegungsapparates und des Nerven- und Kreislaufsystems zunehmend psychische Erkrankungen (Franz Eppinger, Praxis Lauftherapie: Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt; in: Hilf dir selbst: laufe).

Belastungen durch Stress seien die "Epidemie des 20.Jahrhunderts", bestätigte die Internationale Arbeitsorganisation(ILO) in ihrem World Labour Report 1993 die Zunahme psychischer Krankheiten. Es seien heute weniger die "alten" Gefährdungen wie schwere körperliche Arbeit oder negative Umgebungseinflüsse, welche die Gesundheit am Arbeitsplatz bedrohen. Vielmehr seien es die "unspezifischen Belastungskonstellationen", die als psychosozialer Stress ganz unterschiedliche Beschwerdebilder hervorrufen, für die keine "naturwissenschaftlich bestimmten "Schädigungsgrenzen' angegeben werden können (Eppinger). "Klassische Belastungen" nehmen in West-Europa und Nord-Amerika ab, dafür schlagen sich den ArbeitnehmerInnen psychische Faktoren wie Stress und Konkurrenzdruck - nicht zuletzt auf Grund der rasanten Steigerung des Arbeitstempos in der EU - verstärkt auf den Magen", bescheinigt auch eine Studie der Europäischen Stiftung für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Solidarität Nr.836/Juli-August 2001).

Abgesehen von der frühzeitigen Berufs- und Erwerbsunfähigkeit schlägt sich die Ausbreitung der so genannten Zivilisationskrankheiten auch auf die Produktivität der Arbeit nieder. Das so genannte "allgemeine Interesse" (verkörpert von Staat und Wirtschaft) ist alarmiert: es muss etwas getan werden, um die Reproduktion der Arbeitskräfte auch weiterhin gewährleisten zu können. Wie gelegen kommt da der alte Stehsatz vom "Gesunden Geist in einem gesunden Körper" - und man besinnt sich auf die positiven Auswirkungen sportlicher Aktivitäten auf die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit der Sporttreibenden. Der Sport soll zunutze gemacht werden, um die Leistungsfähigkeit der arbeitenden Menschen – die während der Arbeit verbraucht wird – wieder herzustellen. Damit stellt der Sport einen wesentlichen Faktor für die Erhaltung des "Humankapitals" dar.

Auch die Österreichische Bundesregierung, konkret das Bundesministerium für soziale Sicherheit und Generationen wurde sich des (systemerhaltenden) Potentials des Sports bewusst und gab bei der Österreichischen Bundessportorganisation (BSO) eine sozioökonomische Analyse der Auswirkungen des Sports auf die Gesundheit in Auftrag (Sport und Gesundheit - eine sozio-ökonomische Analyse, Hrsg: BM für soziale Sicherheit und Generationen).

Sport und Gesundheit - Eine sozio-ökonomische Analyse

Ziel dieser umfangreichen und interdisziplinär angelegten Studie ist eine volkswirtschaftliche Kosten/Nutzen-Rechnung des Breiten- und Freizeitsports in Österreich. Auf der Kostenseite werden die Ausgaben für Sportverletzungen und Sportunfälle statistisch erfasst und berechnet; auf der Nutzenseite wird - in Kongruenz zur Kostenseite - berechnet, wie einzelne Gruppen der österreichischen Bevölkerung je nach Intensität ihrer Sportaktivitäten zur Vermeidung von sozialen

Kosten beitragen, die innerhalb des sozioökonomischen Raumes (Gesundheitssystem, Sozialversicherung usw.) anfallen.

Die Gegenüberstellung des Nutzens sportlicher Aktivität mit den Kosten von Sportunfällen erbringt folgendes Ergebnis:

* Die durch Sportunfälle entstehenden Kosten betragen insgesamt rund 4,15 Mrd. ATS, die großteils durch die Positionen "Beruflicher Produktionsausfall durch Invalidität" und "Krankenstand" entstehen.

* Der Nutzen (=Einsparungen) des gegebenen Levels sportlicher Aktivität in Österreich beträgt rund 7,8 Mrd. ATS, womit ein positiver Saldo von rund 3,65 Mrd. ATS vorliegt. Der Nutzen ergibt sich großteils aus Einsparungen in den Kostenarten "Beruflicher Produktionsausfall durch Tod" sowie

"Behandlungskosten".

* Daraus resultiert, dass nicht die Sportausübung, sondern die Nicht-Sportausübung mehr Kosten verursacht.

* Die durch die relative Inaktivität der wenig oder gar nicht sportausübenden Bevölkerungsgruppe verursachten Kosten belaufen sich auf rund 11,5 Mrd. ATS. Mit anderen Worten: Würde die Risikogruppe "inaktiv-gering" (1-2 Mal pro Monat sportliche Betätigung) jeweils zur Hälfte in die Risikogruppen "moderat" (1-2 Mal pro Woche sportliche Betätigung) und "aktiv-hochaktiv" (3 Mal oder mehr pro Woche sportliche Betätigung) transferiert werden, würde dies einen zusätzlichen Nutzen- bzw. Einsparungseffekt von 11,5 Mrd. ATS bringen.

Aus den Ergebnissen der Studie geht klar hervor, welches Einsparungspotential und welchen volkswirtschaftlichen Nutzen der Sport in sich birgt. Die Kosten, die durch Sportunfälle anfallen, stehen in keiner Relation zum Nutzen, die der Sport in Form von nicht verschwendeten Ressourcen, besserer Arbeitsfähigkeit, nicht gebrauchten Krankenständen etc. mit sich bringt. Außerdem lässt sich dieses Verhältnis noch weiter zu Gunsten der Nutzenseite verschieben: durch die Verminderung der Unfallkosten. Bei der Problematik der Sportunfälle handle es sich der Studie nach um ein "hochkomplexes multikausales Syndrom", das nur langfristig systematisch erforscht werden könne. Einige wesentliche Differenzierungen können jedoch jetzt schon vorgenommen werden:

* Drei Sportarten - in der Reihenfolge Alpiner Schilauf, Fußball und Radfahren - sind für über 60 Prozent der medizinischen Behandlungskosten "verantwortlich". Zählt man "Radfahren im Straßenverkehr" hinzu, so erhöht sich der Anteil dieser drei Sportarten auf zwei Drittel der Behandlungskosten.

* Zwei Sportarten - Schifahren und Radfahren - verursachen fast 50 Prozent der volkswirtschaftlichen Gesamtkosten. (Wobei hier unbedingt angemerkt werden muss, dass Radfahren mit 49 Prozent die absolute Nummer Eins in der Rangreihe der ausgeübten Sportarten darstellt).

* Die folgenschwersten und damit teuersten Unfälle ereignen sich beim Schwimmen (v.a. Springen und Tauchen) und beim Paragleiten (und ähnlichen Sportarten).

Der Schluss der Studienautoren: "Jedenfalls sollte sportlichen Aktivitäten mit geringem Verletzungsrisiko und hohem gesundheitsfördernden Potential (Laufen, Gymnastik etc.) besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden."

Die ökonomische Nutzung des Sports im Wandel der Geschichte

Es wäre allerdings weit gefehlt, anzunehmen, dass die wundersame Wirkung des Sports auf die Reproduktion der Ware Arbeitskraft erst heute entdeckt worden ist. Tatsächlich lässt sich die bewusste betriebswirtschaftliche Förderung des Sports bis ins 19.Jahrhundert hinein (wenn nicht sogar noch weiter) zurück verfolgen. So fasste Carl Diem, ein Vertreter der deutschen bürgerlichen Sportbewegung schon im Jahr 1923 die positiven Auswirkungen des Sports folgendermaßen zusammen:

"Leibesübungen bedeuten für die Wirtschaft: Verringerung der Krankenkosten, Verringerung der Unfallkosten, Hinausschieben der Invalidität, den Produktionsgewinn der Gesundgebliebenen und Nichtverunglückten, die geistigen Abwehrkräfte gegen politische Verhetzung, die seelischen

Abwehrkräfte gegen das Entseelte des taylorisierten Arbeitsvorgangs." (Gertrud Pfister, Stählung der Arbeitnehmerschaft ist Stärkung der Wirtschaft? in: Zwischen Arbeitnehmerinteressen und Unternehmenspolitik (Hrsg.: Gertrud Pfister), Berlin 1999)

Was sich indes sehr wohl dem Wandel der Zeit unterworfen hat, sind die Formen, die Motive und die Akteure der Sportförderung.

Zumeist wird die gesundheitspräventive Wirkung, die von sportlicher Aktivität ausgeht, als Hauptmotiv der betrieblichen Sportförderung dargestellt, tatsächlich spielen neben diesem humanistisch-fürsorglichen Aspekt noch ganz andere Beweggründe eine Rolle. Im Deutschland der 20er Jahre sah sich der Kapitalismus mit einer Reihe von Problemen konfrontiert. Durch die Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft sahen sich die Unternehmer zu umfassenden Rationalisierungsmaßnahmen in der Produktion und der Betriebsorganisation "gezwungen". Diese Bestrebungen ließen sich jedoch angesichts der sich zunehmend radikalisierenden ArbeiterInnenschaft nicht so ohne weiteres um- und durchsetzen ohne die wirtschaftliche Stabilität, den Klassenfrieden und damit die Vorherrschaft der kapitalistischen Produktionsweise zu gefährden. Zur Bewältigung dieser Krisensituation setzte die Bourgeoisie neben Angriffen auf die ArbeiterInnenklasse auf politischer und ökonomischer Ebene schließlich auf das altbewährtes Mittel der "Ideologiekeule", deren Schlagkraft durch die Institutionalisierung des Sports auf betrieblicher Ebene wesentlich verstärkt werden sollte. Mit der Propaganda der "Werksgemeinschaft" sollten die Klassen-und Interessensunterschiede zwischen Proletariat und Bourgeoisie zu Gunsten des "Wohls des Unternehmens" verdeckt werden. Die Organisation des Betriebssports hatte dabei folgende Funktionen:

* Allgemeine Sozialdisziplinierung der Belegschaften durch den streng reglementierten, mannschafts- und gemeinschaftsorientierten Sport (von der Arbeitgeberseite auch als Ausgleich für die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht angesehen)

* Bindung der ArbeiterInnen an die Unternehmen zur Bildung von motivierten Stamm(!)belegschaften

* Erhöhung der physischen Arbeitskraft und psychischen Leistungsbereitschaft und Verminderung der Unfallhäufigkeit am Arbeitsplatz

* Fernhalten der ArbeiterInnenschaft von der Politik, d.h. von KPD, SPD, den Gewerkschaften und der expandierenden Arbeitersportbewegung (Andreas Luh, Betriebssport in Deutschland. In: Zwischen Arbeitnehmerinteressen und Unternehmenspolitik (Hrsg.: Gertrud Pfister), Berlin 1999)

Betriebssport - eine reaktionäre Angelegenheit

Die Arbeitersportbewegung, die gegenüber dem Betriebssport einen viel größeren Stellenwert aufzuweisen hatte, stand den "gelben Betriebssportvereinen" ausgesprochen feindlich gegenüber. Ein Funktionär brachte die Kritik der revolutionär orientierten ArbeiterInnensportler auf den Punkt:

"Es dürfte wohl klar sein, warum wir Arbeiter den Firmensport bekämpfen müssen. Nicht aus Konkurrenzneid, sondern aus politischen und wirtschaftlichen, also aus Gründen des Klassenkampfes." Die rote Sportinternationale schlug folgerichtig auch vor, "im Betrieb alle Kräfte

der Arbeiter zu mobilisieren, um mit ihrer Hilfe die Gründung von Werksportvereinen unmöglich zu machen"(Pfister).

Auch die sozialdemokratischen ArbeiterInnensportvereine konnten sich mit dem Betriebssport, hinter dem die Ideologie der Werksgemeinschaft stand, nicht anfreunden, da er darauf abziele, "das Klassenwollen der Proletarier abzufangen, mattzusetzen". Der Reichsverband der deutschen Firmensportvereine machte aus seinen eigentlichen Motiven, die mittels des Betriebssports verwirklicht werden sollten, auch gar keinen Hehl. Charakterbildung wurde neben der Gesundheitsförderung zum obersten Ziel erklärt. Sport sollte laut der Richtlinien des Reichsverbandes ein "Gegengewicht gegen die entseelte Arbeitsmechanik" sein, die "entnervenden Unterhaltungsstätten" bekämpfen, "parteipolitische Beeinflussung" verhindern und insgesamt "die deutsche Wirtschaft durch Stärkung und Erhaltung ihres wertvollsten Gutes, der deutschen Arbeitnehmerschaft" unterstützen (Pfister).

Spielt die politisch-ideologische Intention im Sport heute noch eine Rolle?

Der Arbeitersportbewegung ist im wahrsten Sinne des Wortes die Luft ausgegangen. Zwar existiert der ASKÖ als sozialdemokratisch organisierter Sportverein nach wie vor, seine Bedeutung als (Klassen-)Bewusstsein stiftende Institution hat er indes zweifelsohne verloren. In gleicher Weise hat die genuin bürgerliche Sportbewegung - in Österreich in Form der UNION - ihre Relevanz eingebüßt. Diese scheinbare Entideologisierung des Sports ist allerdings trügerisch, denn tatsächlich haben sich nur die Vermittlungsebenen verschoben.

Das Dilemma der UnternehmerInnen liegt darin, dass sie durch den tendenziellen Fall der Profitrate gezwungen sind, die dadurch entstehenden Verluste durch die Erhöhung des relativen Mehrwerts auszugleichen, respektive die Ware Arbeitskraft noch mehr auszupressen, um ihre Profite abzusichern. Da Maschinen bekanntlich keine "Werte" produzieren, sondern als fixes Kapital eine notwendige Investition darstellen, um das gesellschaftlich-durchschnittliche Produktivitätsniveau halten zu können, obliegt es den Arbeitskräften, die für die UnternehmerInnen notwendigen Mehrwerte zu schaffen. Und das "Mehr-" wird eben immer mehr!

Um das Ziel, die ArbeiterInnen zu noch höherer Produktivität anzutreiben, zu erreichen, bieten die UnternehmerInnen und ManagerInnen ungeahnte Potentiale an Kreativität auf. Selbstverantwortung und Selbstmanagement lauten die Gebote der Stunde, die ArbeiterInnen sollen ein bisschen "unternehmerischer" denken, heißt es. Zu diesem Zweck ist man auch auf den Gedanken gekommen, den ArbeiterInnen "Nachhilfe" in effektiver Freizeitgestaltung zu geben: in der Form des Betriebssports. "Dabei wird nicht das Ziel verfolgt, die Mitarbeiter auch während der Freizeit "im Griff' zu haben, sondern hierbei handelt es sich um eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe", meint die Sportwissenschaftlerin Michaela Friesacher (Michaela Friesacher, Psychosoziale und wirtschaftliche Aspekte des Betriebssports, Diplomarbeit, Wien 1994). Im zweiten Punkt ist Friesacher durchaus recht zu geben, tatsächlich ist die Sicherung der Reproduktionskraft der (Mit-)ArbeiterInnen als eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe im Rahmen des Kapitalismus anzusehen. Im ersten Punkt outet sie sich jedoch als billige Ideologin des Kapitalismus.

Vorreiter in der betriebswirtschaftlichen Nutzung von Sport ist bezeichnenderweise die USA. In den USA wird Fitness als außerfachliches Qualifikationsmerkmal gesehen, so wird oft bei Vorstellungsgesprächen die Einstellung zur Gesundheit und Fitness festgehalten. Immer mehr amerikanische Unternehmen honorieren das Gesundheitsbewusstsein ihrer Mitarbeiter durch Prämien und Lohnzulagen oder kassieren von Übergewichtigen und RaucherInnen.(Naisbitt/Aburdene, Megatrends des Arbeitsplatzes, München 1989) "Untermalt" werden diese Strategien zur Förderung des Sportbewusstseins durch das "Wellness-Konzept", die Corporate-Fitness-Bewegung und durch die Gesundheitsprogramme der American-Health-Association (AHA). Dass das Konzept aufgegangen ist, bestätigt die Mortalitätsstatistik "im Großen" und Untersuchungen über die Wirtschaftlichkeitseffekte betrieblicher "Recreation-Programmes" "im Kleinen".

* "Internationale Mortalitätsvergleiche verdeutlichen, dass die Sterblichkeit (Gestorbene/100 000Lebende) an Herzkrankheiten gemäß ICD-Klassifikation in den USA im Vergleich zu Deutschland seit beginn der 70er Jahre sowohl bei Männern, als auch bei Frauen in der Altersklasse 45-54 Jahre, 55-64 Jahre und 65-74 Jahre deutlich stärker zurückgegangen ist." (Friesacher)

* Ein Jahr nach der Einführung eines Gesundheits- und Fitnessprogramms in einem amerikanischen Unternehmen konnte eine massive Gesundheitskostenreduzierung und eine deutliche Senkung der Abwesenheitsrate festgestellt werden.

Die Einsicht, dass "gesunde Mitarbeiterinnen und gesunde Mitarbeiter die Grundlage für ein gesundes Unternehmen (sind)" (O-Ton Zentralbetriebsratsvorsitzenden Erich Reisinger und Angestelltenbetriebsratvorsitzenden Ludwig Ecker, beide von der Neusiedler AG) und dass sich Gesundheits- und Sportförderung betriebswirtschaftlich rentiert, ist mittlerweile bis nach Österreich durchgedrungen. Und auch Franz Viehböck hat es schon immer gewusst: "Gott sei Dank gehört die Einstellung, dass Sport und Wirtschaft Gegensätze sind, der Vergangenheit an", freut sich der Ex-Astronaut und Boing-Beauftragte in Österreich. Denn: "Ein Manager ohne Gesundheitsbewusstsein wird nicht die optimale Leistung zu bringen imstande sein, ein Sportbetrieb ohne wirtschaftliche Führung wird scheitern." Für die Neusiedler AG machte sich diese "Erkenntnis", bzw. Die daraus folgende Gesundheitsförderung (in Form von "Gesundheitstagen", "Gesundheitschecks" etc.) durchaus bezahlt: die Krankenstände sind durch diese Maßnahmen gegenüber 1999 um 12 Prozent gesunken. Das entspricht einer Senkung der Krankenstandstage von etwa 18.000 auf 16.000 oder einer Einsparung von ATS 5,2 Millionen an Kosten. (Kompetenz Nr7-8/2001, 9.Juli 2001, 8.Jahrgang)

Warum der Laufboom nicht vom Himmel gefallen ist...

Der Laufsport boomt. Zig-Tausende Menschen quälen sich freiwillig über 42,195 km lange Asphaltstrassen in stinkenden Großstädten - und zahlen dafür noch "teures Geld"! In den frühen Morgen - und späten Abendstunden sind die Parks und Grünflächen überfüllt - wohlgemerkt nicht mit SpaziergängerInnen und ihren Hunderl, sondern mit LäuferInnen. Der grassierende Laufboom hat dazu geführt, dass 1,7 Mio. ÖsterreicherInnen zumindest alle paar Wochen die Laufschuhe schnüren und 860.000 Menschen (das sind 13 Prozent der Bevölkerung) sich zumindest ein Mal wöchentlich laufend betätigen, also zur Kategorie der regelmäßigen LäuferInnen zuzurechnen sind. Die Zunahme der regelmäßigen LaufsportlerInnen - von 4% im Jahr 1993 auf die genannten 13% im Jahr 2000, erweist sich vor dem Hintergrund eines generellen Rückgangs der sportlich aktiven Menschen als umso bemerkenswerter. Um die (mehr oder weniger) plötzliche Popularität des Laufens verstehen zu können bedarf es mehr, als bloß auf die tollen Vermarktungsstrategien der Laufgurus Strunz&Co. hinzuweisen, die den Leuten versprechen, das Paradies auf Erden zu finden - wenn sie sich nur die Laufschuhe binden. Laufen macht aus einer Ente einen Jaguar, Laufen ist die einzige Diät, die ewig hält, Laufen weckt Körper-Intelligenz,...kräftigt Herz und Muskeln,...entstresst,...macht Lust,...macht glücklich,...beflügelt die Seele.

Die schnittigen Predigten von Leuten wie Dr.Med. Strunz dürfen jedoch schon angesichts ihres sprachlich-ästhetischen Werts nicht unbeachtet bleiben. Strunz versteht es wie kein anderer, die leidlichen Probleme der Menschen zu erfassen, deren Ernsthaftigkeit zu unterstreichen, um schließlich eine einfache Antwort zur Lösung derselben zu präsentieren. Zur Veranschaulichung ein paar Kostproben:

Problembereich Übergewicht: Die Weltgesundheitsorganisation warnt: Eine chronische Krankheit breitet sich epidemieartig über den ganzen Globus aus, wuchert über Bäuche, Schenkel und Hüften: Fettsucht.(...) Die Pfunde im Überfluss raffen jedes Jahr 300000 Amerikaner dahin, kosten deutsche Krankenkassen 30 Milliarden Mark.(...)Pro Pfund Übergewicht sinkt das Jahreseinkommen amerikanischer Führungskräfte um 1000 Dollar. Dynamisch und schlank hat ein Unternehmer zu sein, so eine US-Studie." (U.Strunz, Forever young, München 1999)

Die Lösung: Aktivität statt Wunderpille. Gegen die Invasion der Pfunde müsse man schon aktiv werden, meint Strunz - nicht ohne auf die "Vorbildwirkung" von Außenminister Fischer hinzuweisen, der seinen 32 Kilo Übergewicht schlicht und einfach davonlief. ("Wie sie das machen können, lesen sie ab Seite 52.")

Auch wenn es zunächst nicht so scheint: Hinter Strunz steckt mehr als seine Gesundheitspredigten und sein grenzdebiles Grinsen vermuten lässt. In Wirklichkeit verkörpert er den Inbegriff der bürgerlichen individualistischen Ideologie. Er profiliert sich als stumpfsinniger Handlanger der Bourgeoisie, indem er alle Probleme, die durch die Widersprüche des Kapitalismus bedingt sind, den Individuen in die (Lauf-)Schuhe schiebt. Ob Lohnsklave oder Großbourgeois, jeder hat für sein eigenes Glück zu sorgen und ist für sein Wohlergehen selbst verantwortlich.

Der Laufboom ist weder dadurch entstanden, dass irgend jemand zufällig auf die positiven Wirkungen des Laufsports gestoßen ist und daran die Idee geknüpft hat, damit alle Menschen zu beglücken; noch hat sich das Laufen gleichsam von selbst und automatisch durchgesetzt. Vielmehr waren es die sozioökonomischen Bedingungen - Stichwort: "Zivilisationskrankheiten" - welche das Bewusstsein geweckt haben, dass etwas getan werden muss, damit der kapitalistischen Produktionsweise nicht der Saft ausgeht. Denn: Irgendwann stoßen auch die besten Führungskräfte mit ihren Kommunikations- und Organisationsqualitäten an die Grenzen des "Machbaren"; und spätestens dann macht sich die Einsicht breit, dass selbst einfache Beschäftigte ein Mindestmass an Lebensqualität brauchen (und nicht nur fiktive Anerkennung), um den heiß begehrten Mehrwert schaffen zu können.

Am Anfang (des Laufbooms) standen infolgedessen weder die Wünsche der SportartikelherstellerInnen, noch die Ideen der Laufgurus - auch wenn Zweiteres gerne in diversen Zeitschriften und Zeitungen dargestellt wird: Die Popularisierung des Laufsports darf nicht als linearer Prozess angesehen werden, bei dem ein konkreter Ausgangspunkt festgemacht werden kann. Eine zündende Idee ist immer schon mit den materiellen Gegebenheiten vermittelt, indem sie sich als eine Antwort auf die ökonomischen Notwendigkeiten und gesellschaftlichen Bedürfnisse erweist. Bei dieser Idee handelt es sich wohlgemerkt nicht um ein bloßes Abbild der materiellen Gegebenheiten - in diesem Falle gäbe es nur eine einzige Antwort. Die Idee muss weiters natürlich im Zusammenhang mit ihrem Produzenten, der bestimmte Interessen verfolgt, betrachtet werden, wobei der Ursprung dieser Interessen wiederum nicht im Subjekt allein verortet werden kann.

Laufen im Kontext des Betriebssports

Welche Rolle spielt das Laufen bei den Versuchen der UnternehmerInnen, ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen anzutreiben? Und warum eignet sich gerade der Laufsport so hervorragend dazu, das "selbstbestimmte Leistungsbewusstsein" anzukurbeln?

In aktuellen Studien wird bestätigt, dass Läufer bei der Arbeit "signifikant zufriedener" sind und "über eine größere betriebliche Arbeitszufriedenheit" verfügen. Mitarbeiter in Unternehmen, die in ihrer Freizeit Ausdauersport (Langstreckenlauf) durchführen, halten sich für belastbarer und konzentrationsfähiger als NichtsportlerInnen. LäuferInnen sehen ihre berufliche Leistungsfähigkeit durch den Ausdauersport deutlich gestärkt. Sie zeigen zudem eine verbesserte Kooperationsfähigkeit und Kollegialität. (Eppinger)

Die "Vorzüge" des Laufens:

* Die Läuferin / der Läufer kann ihre / seine Laufumgebung frei wählen und seine Laufstrecke individuell gestalten. Die räumliche Unabhängigkeit macht von Veranstaltern - ob kommerziell oder gemeinnützig - und deren Vorgaben unabhängig: Spontane Entschlüsse sind jederzeit möglich. Was dabei suggeriert wird: Man braucht keine freiheitsbeschränkenden Institutionen.

* Die zeitliche Unabhängigkeit für Beginn und Ende des Sporttreibens ist eine ungeheure Motivation "dran" zu bleiben. Die Zeitsouveränität wird zum Hauptfaktor für die Entscheidung. An dieser Stelle drängt sich der Vergleich mit der sogenannten just-in-time-production auf. Im Gegensatz zur just-in-case-production der fordistischen Großfabriken, die mit den riesigen gefüllten Lagerhallen für alle Fälle gerüstet sind, beruht die just-in-time-production auf einer präzisen Abfolge von Teilanfertigungen und exakter Zeiteffizienz.

* Die Rücksichtnahme auf andere ist kaum notwendig. "Ich" laufe gegen meinen inneren Schweinehund an. LaufpartnerInnen stören nicht, sie sind aber nicht Voraussetzung für meine Selbstbestätigung. D.h. trotz der dominanten individuellen Komponente, die dem Laufsport unanzweifelbar anhängt, wird unter den LäuferInnen kein übertriebener Konkurrenzkampf angestachelt - die "Teamfähigkeit" ist somit nicht bedroht!

* Laufen kann im Prinzip jeder. Unter den LäuferInnen existieren keine sozialen Staffelungen oder Hierarchien. Dadurch wird das Gefühl der (Chancen-)Gleichheit erzeugt. Die "One-family-Philosophie", die gegenüber der autoritär-hierarchischen Unternehmensführung auf Teamarbeit setzt, fährt auf derselben Schiene: sie täuscht den ArbeiterInnen und insbesondere Angestellten gleiche Rechte vor, um ihnen zusätzliche Pflichten auferlegen zu können.

* Den LäuferInnen werden keine (Spiel-)Regeln oder Vorgaben gemacht, an die sie sich zu halten haben - eine gute Vorübung für die Arbeit. Denn: Auch im Betrieb soll sich das Leistungsbewusstsein nicht darin erschöpfen, bloß zuverlässig Anweisungen auszuführen. Eigener Antrieb und persönlicher Elan ist gefragt

* Der "Massensport" Laufen trägt einen ganz ambivalenten Charakter: Trotz seiner breitensportlichen Wirkung hat er sich seinen individuellen "besonderen" Charakter des "Managersports" bewahrt. Von Bill Clinton über Großkapitalist Martin Bartenstein bis hin zur Sekretärin von nebenan: Sie alle laufen. Die Studie des Bundesministeriums für Soziale Sicherheit und Generationen liefert zu diesem Thema ein paar interessante Details: "Je größer die Bedeutung der individuellen Leistung im Sport ist, umso höher ist der soziale Status der Ausübenden; Mannschaftssportarten werden häufiger von unteren Sozialschichten ausgeübt." Und weiter: "Während Mitglieder oberer Sozialschichten eher Sportarten betreiben, die einen geringen oder gar keinen Körperkontakt erforderlich machen, ist die Schichtzugehörigkeit der Sporttreibenden umso niedriger, je stärker ein Sport Körperkontakt erfordert."( Sport und Gesundheit - eine sozio-ökonomische Analyse) Diesen beiden Aspekten zur Folge ist der Laufsport tendenziell den oberen Sozialschichten zuzuordnen.

Ein neuer Trend in Österreich: Firmenläufe

Die unvergleichlichen Vorzüge des Laufens sind von einigen österreichischen Unternehmen nicht unerkannt geblieben. "Laufen ist in. Laufen und business sind mega-in. Erkannt hat das eine Truppe ambitionierter FreizeitsportlerInnen und den 1. Firmenlauf Österreichs veranstaltet. Kollektives Laufen liegt im Trend. Gesundheitstreffs, Stadt- und Firmenläufe boomen wie nie zuvor", schreibt der Freizeit-Kurier. Und das profil sieht gar einen "neuen Stern am heimischen Läuferhimmel in Form von Firmenläufen aufgegangen". (profil Nr.20 (14.5.2001) Das Wirtschaftsblatt schreibt unter der Schlagzeile "Manager am Laufband": "Laufen ist der Renner der Saison: immer mehr Manager schlüpfen in die Laufschuhe, um sich den entspannenden Kick beim Jogging zu holen (...). Der Firmenlauf am 30.August könnte sich nach dem Marathon zum zweitgrößten Laufevent pushen. Bereits jetzt sind rund 400 Teams angemeldet - also 1200 Leute, da drei Leute eine Mannschaft bilden." (Wirtschaftsblatt (17.5.2001) Ingesamt werden etwa 8000 laufbegeisterte ManagerInnen und ihre MitarbeiterInnen erwartet. "Das sportliche Miteinander, der

Teamgeist, steht bei solchen Laufevents im Vordergrund, Profilierungslust ist (gerade deshalb) nicht ausgeschlossen. Die moderaten Distanzen orientieren sich - ähnlich wie bei Frauenläufen - an den sportlich weniger Trainierten" - informiert das profil. Das gemeinsame Laufen soll die Motivation der MitarbeiterInnen heben, das Betriebsklima verbessern und das Zugehörigkeitsgefühl zur Firma stärken. "Daher ist es nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, erkenntlich als Unternehmen nach außen aufzutreten." (Laufsport 06/01) (Wenn das nicht die Ideologie der Werksgemeinschaft in Reinkultur ist!)

Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass der Erfolg oder Nicht-Erfolg eines Unternehmens weniger auf der Straße, unmittelbar im sportlichen Wettkampf gemessen wird, sondern schon Wochen vorher, im so genannten Unternehmensranking. In regelmäßigen Abständen informieren die Medien darüber, welches Unternehmen beim Betriebslauf mit wie vielen Managern und Mitarbeitern vertreten ist (ein Manager "zählt" übrigens genauso viel wie ein "gewöhnlicher" Arbeiter). Entsprechend der Zahl seiner TeilnehmerInnen nimmt das Unternehmen einen Platz in einem eigenen Ranking ein. Bezeichnend dafür ist auch die Tatsache, dass die Preise nicht gemäß der erbrachten Leistung verliehen werden, sondern nach dem Lauf verlost werden.

Zu guter Letzt die eigentliche Fragestellung...

Ideologie hin oder her, könnte man sagen - Sport, konkret das Laufen, hat nachweisbar positive Auswirkungen auf das körperliche und geistige Wohlbefinden der Menschen. Den Leuten geht es schlecht, sie laufen, und es geht ihnen besser. Eine einfache kausale Wirkung, gegen die doch wohl sachlich betrachtet niemand sein kann, so scheint es zumindest. Könnte man daraus nun nicht schlussfolgern, dass im Falle des Laufens exzessives Marketing, (wie es etwa von Struntz betrieben wird), der Menschheit ausnahmsweise gute Dienste leistet. Im Gegensatz zur Bewerbung des so genannten "functional food", wo den Leuten krude Versprechungen aufgetischt werden - etwa dass der lactobazillus casei im Joghurt für gutes Aussehen, für Ausgeglichenheit, für die Stärkung der Abwehrkräfte und noch vieles mehr sorgt, fördert Laufen ja tatsächlich das Wohlbefinden.

Klarerweise würden wir uns eine von der Kommerzialisierung der kapitalistischen Freizeitindustrie unabhängige Massenkultur wünschen - vorzugsweise in Verbindung mit einer revolutionären Arbeiterbewegung. Angesichts der aktuellen Schwäche einer solchen Bewegung ist heute eine partielle Beteiligung an verschiedenen Formen der kapitalistischen Massenkultur tendenziell notwendig, um sich in dieser Gesellschaft nicht sozial zu isolieren und psychisch zugrunde zu gehen.

In der plattesten Form verdeutlichen sich die Interessen der Sportartikelindustrie an der "Freude am Laufen": "Der wirkliche Laufboom spielt sich im Sportartikelhandel ab", weiß Johannes Langer, u.a. Rennleiter beim Vienna City Marathon und Chefredakteur beim Laufmagazin Running - und freut sich, dass nachdem jahrelang die Umsatzsteigerungen nicht mit dem Flächenwachstum mithalten konnten - in einigen Jahren sogar rückläufig waren - der Sportartikelhandel in den letzten zwei Jahren ein dickes Umsatzplus verbuchte.(Running Nr.3/2001) Dazu einige Fakten:

* Der Gesamtumsatz des österreichischen Sportartikelfachhandels belief sich im Jahr 2000 auf ca.15 Milliarden. Die Umsatzsteigerung von ca. 10 Prozent hing zu einem großen Teil mit dem Wachstum im Segment Laufsport zusammen.

* Das Segment Laufen stieg im Jahr 2000 um satte 34 Prozent auf einen Gesamtumsatz von über drei Milliarden Schilling. Für das Jahr 2001 erwarteten die Wirtschaftsbeobachter einen ähnlichen Zuwachs.

Die Sportartikelhersteller - von Nike über Adidas bis zu Saucony sind sich jedenfalls darüber einig, dass das Geschäft mit dem Laufen nicht so schnell abflauen und noch für fette Gewinne sorgen wird.

Auch wenn meines Erachtens nach im Falle des aktuellen Laufbooms der Sportartikelindustrie die Rolle des treibenden Motors zukommt, darf sie nicht als der eigentliche Drahtzieher angesehen werden - die Gründe für dessen Entstehen sind viel komplexer. Warum?

Wie zuvor angesprochen hat man mit dem Sport einst klare politische Intentionen verfolgt. Heute können diese Intentionen nicht mehr so einfach nachvollzogen werden, was viele zu der Behauptung veranlasst hat, das Politische sei am Ende und endgültig von der Dominanz der Ökonomie abgelöst worden. Damit sei auch das Private, das einst politisch werden sollte, nun ökonomisch geworden. Diese Theorie ist mit Vorsicht zu betrachten. Denn was wird mit der Reduktion auf das Ökonomische suggeriert? Das Private, respektive die sportliche Freizeitbetätigung richtet sich demzufolge nach genuin ökonomischen "Sachzwängen" aus, die eben "sachlich" und nicht ideologisch sind. Ideologie wäre damit mehr oder weniger obsolet geworden, da der Markt ohnehin alles regelt.

Diese Sichtweise geht von einer grundfalschen Prämisse aus: von der Prämisse, die Geschichte habe in der jetzigen Stufe des Kapitalismus ihr Ende erreicht. D.h. die kapitalistische Produktionsweise bildet ein Axiom, das nicht zu übersteigen ist. Wenn man diese Annahme voraussetzt, erscheint der Großteil der Menschen als LohnarbeiterInnen auf der einen und als KonsumentInnen von - in kapitalistischer Produktionsweise erzeugter - Waren auf der anderen Seite. Jeder und jede ist gleichermaßen Objekt und Subjekt der kapitalistischen Ökonomie, und kann sich folglich nicht heraus bewegen. Folgt man dieser Logik, dient Ideologie dann nur noch zur Verbesserung der Kommunikation und Interaktion zwischen den Menschen, da ja ohnehin keine Ausbeutung im traditionellen Sinn mehr besteht, die verschleiert werden muss, da sich jeder irgendwie selbst ausbeutet.

Die tätig-aktive widerständige Seite des Menschen, die im Kapitalismus der "ideologischen Befriedung" "bedarf", wird in dieser Theorie vollkommen eliminiert. Wenn es diese Seite nicht gebe, hätte der Kapitalismus tatsächlich kein Problem. Der Haken an der Sache: Wenn es diese Seite nicht gebe, gebe es auch den Kapitalismus nicht. Denn: Wie hätte er den Feudalismus ablösen können? Langer Rede kurzer Sinn: Die kapitalistische Ökonomie könnte ohne massive ideologische Propaganda nicht überleben. Nur haben die verschiedenen ideologischen Botschaften mittlerweile derartig subtile Formen angenommen, dass sie auf den ersten Blick nicht eindeutig erkennbar sind. Der Laufboom kann deshalb mit ökonomischen Argumenten nicht hinreichend erklärt werden.

Maria Pachinger

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