Österreich: Für ein Desaster des Nationalteams!


06. Juni 2008

Die für die Fußball-EM staatlich und medial verordnete nationalistische Begeisterung beginnt in Österreich zunehmend zu greifen. Boulevard-Zeitungen und Supermarktketten durchseuchen die Bevölkerung mit Unmengen von Fanartikel-Müll. Immer mehr verhetzte Deppen fahren mit rot-weiß-roten Fähnchen auf ihren Autos durch die Gegend; in den Städten angeblich jede/r 30., in ländlichen Regionen gar jede/r Achte.

Angesichts des nationalen Spektakels arbeiten die liberalen KommentatorInnen (wie etwa der "kritische" Armin Thurnherr von der Wiener Stadtzeitung "Falter") daran, einen fundamentalen Gegensatz zwischen einem "gesunden Patriotismus" und einem "aggressiven Nationalismus" zu konstruierten. Die PropagandistInnen der UEFA und ihre AdjudantInnen in Politik und Redaktionsstuben versuchen überhaupt gleich, die EM 2008 als völkerverbindende Angelegenheit darzustellen.

Tatsächlich wird die europäische Bevölkerung seit Wochen intensiviert nach Nationen geordnet gegeneinander in Stellung gebracht. Ein Blick auf YouTube offenbart die kotzigsten Dimensionen dieser nationalistischen Aufhetzung. Mit Textzeilen wie "Die anderen sind voll Scheiße - Deutschland ist das Geilste!" oder "Oh wie ist das schön (...) ohne England fahren wir zur EM" heizen dort etwa mittelmäßige deutsche Schlager-Combos den Nationalismus an. Soziale Konflikte sollen möglichst aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Alle sollen nur noch an den "gemeinsamen" Erfolg der Nation denken und zur patriotischen Euphorie beitragen.

Für die herrschende Klasse der GroßkapitalistInnen ist ein solcher nationaler Schulterschluss natürlich eine tolle Sache. Unter dem Deckmantel der EM sollen in Österreich im Eilverfahren Verschlechterungen bei der Gesundheitsversorgung und den Pensionen durchgepeitscht werden. Gleichzeitig plant die große Koalition aus SPÖ und ÖVP den superreichen BesitzerInnen von Stiftungen, die ohnehin schon kaum besteuert werden, rückwirkend noch weitere 400 Mio. Euro zu schenken. Der ÖGB sagt zu alldem wenig (wenn er es nicht selbst mitverhandelt hat), stimmt in die patriotische Begeisterung ein und sorgt sich gerade einmal um die Arbeitsbedingungen der PolizistInnen während der EM. Die Lohnabhängigen sollen sich über die eigenen Existenzfragen möglichst keine Gedanken machen, sondern gemeinsam mit Regierung und Sponsoren "unserem Team" zujubeln.

Der FPÖ-Bezirkspolitiker Gerhard Haslinger nimmt sich in der Bezirkszeitung kein liberales Blatt vor den Mund: "Gelebter Patriotismus ist gefordert und wer nicht mit 100 Prozent zu seiner Nationalmannschaft steht, kann schon aus dem eigenen Volk mit Konsequenzen rechnen. (...) Eine herrliche Zeit! Man darf ungestraft zeigen, dass man auf seine Nation stolz ist und man darf öffentlich sein Land lieben. (...) Die gepredigte Vielfalt weicht der Nation, das Miteinander zerfällt zu Gegnern."

Das zeigt sehr ungeschminkt, welche Funktion eine solche EM auf ideologischer Ebene erfüllt. Die Drohung "mit Konsequenzen" für vaterlandlose Gesellen wird von Haslinger gleich mitgeliefert. In etwas zivilisierterer Form wird dieselbe Stimmung aber von der Mehrzahl der bürgerlichen Medien transportiert: Das Nationalteam sei toll motiviert, brauche unbedingt die Rückdeckung des ganzen Landes und alles andere wird mehr oder weniger offen als Landesverrat kategorisiert.

Das Land, für das hier bedingungslose Loyalität eingefordert wird, ist derartig "gastfreundlich", dass täglich (!) 11 Menschen abgeschoben werden - zurück in Elend und Diktaturen. Österreich, das ist ein Land wo 21.000 Kinder in Wohnungen leben, die im Winter nicht angemessen beheizt werden können. Österreich, das ist ein Land, wo gerade über 250.000 Menschen arbeitslos gemeldet sind. Österreich ist eine Klassengesellschaft, in der die 50 reichsten Personen 92 Milliarden Euro besitzen, in der den reichsten 10% der Bevölkerung 70% des Gesamtvermögens gehört, während eine Million Menschen an oder unter der Armutsgrenze leben. Die sollen jetzt alle gemeinsam Ivanschitz&Co. die Daumen drücken, "Hey Hey Hicke" schreien und sich damit selbst verarschen.

Andreas Ivanschitz, Roland Linz und die anderen Nationalspieler spielen nicht für dich oder mich, nicht für "unser" Land. Sie spielen für ihr Geld und ihre Karriere, sie spielen für die Sponsoren und den ÖFB und sie spielen - sozial und politisch gesehen - für die österreichische Klassengesellschaft. Sie spielen für Staat und Nation Österreich und sein Ansehen, und das heißt in der Realität: für die in diesem Staat herrschende Klasse, das Großkapital und sein politisches System.

Der nationalistische Spuk rund um die EM wird in Österreich dann wieder schwächer werden, wenn Hickersbergers Truppe möglichst bald ordentliche Niederlagen kassiert. Natürlich heißt eine Niederlage für Österreich Erfolge für andere Nationalteams und damit andere Nationalismen. Und natürlich ist ein kroatischer Nationalismus mit seinen Ustascha-Karos im Wappen, ein polnischer (oft katholisch-antisemitisch unterlegter) Chauvinismus oder ein deutsch-imperialistischer "Wir-sind-wieder-wer"-Nationalismus ebenso ungustiös. Allerdings hat der "neue Patriotismus" im Veranstalterland Österreich einen besonderen Aufschwung erlebt. Und vor allem sehen wie als InternationalistInnen den Hauptfeind in einem nationalistischen Wettbewerb wie der EM jeweils im eigenen Land.

Jedes Tor, das das österreichische Team schießt, ist ein Eigentor für die österreichischen Lohnabhängigen. Jedes Tor, das Alexander Manninger oder Jürgen Macho bekommt, ist gut für die ArbeiterInnen in diesem Land. Wir sind für ein möglichst rasches und möglichst blamables Ausscheiden der ÖFB-Truppe aus der EM. Diese Haltung müsste - so groß der öffentliche Druck auch sein mag - die gesamte Linke und ArbeiterInnenbewegung einnehmen. Leider beschränken sich viele Linke auf eine Kritik an Sponsoren-Einfluss und Bierpreisen und treten sozusagen für eine arbeiterInnenfreundliche EM mit billigeren Fanzonen oder ähnlichem ein.

Dass trotz der medialen Patriotismus- und Euphorie-Propagandawalze das Potential für eine Kritik an dem kapitalistisch-nationalistischen Zirkus EM vorhanden ist, zeigt eine politische Kampagne. Sehr viele Leute stehen den Begleiterscheinungen der EM mehr oder weniger kritisch gegenüber. Daran kann angesetzt werden und dementsprechend stark ist der positive und bestärkende Zuspruch zu unseren Plakaten, Aufklebern und Artikeln. In diesem Sinne: SCHEISS EM 2008! Gegen Kommerz, Repression und Nationalismus! Für ein Desaster des österreichischen Nationalteams!

Eric Wegner

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