SK Rapid: Welcher Weg aus der Krise?

 

26. April 2013

Rapid Wien ist unumstritten der größte Fußballverein in Österreich: Über 7000 Vereinsmitglieder, über 10.000 Abonnent/inn/en, hunderttausende Anhänger/innen in Wien und vielen anderen Bundesländern.

Aktuell befindet sich Rapid in einer Krise. Nach einer sieglosen Serie und orientierungslosen Auftritten gab es Fanproteste und einen Trainerwechsel. Ungeklärt ist auch die Stadionfrage. Im Verein und unter den Fans gibt es seit Monaten eine intensive Diskussion, wie es weitergehen soll.

Rapid wurde 1898 als „Erster Wiener Arbeiter-Fußballklub" gegründet. Auch heute noch kommen die meisten Rapid-Anhänger/innen aus der Arbeiter/innen/klasse. Und das Selbstverständnis als „Arbeiterklub" wurde auch von der Vereinsführung immer wieder kultiviert. Und anders als etwa bei Red Bull Salzburg, wo de facto eine Diktatur des Besitzers herrscht, war der Einfluss der Fans bei Rapid – zum Leidwesen diverser Fußballfunktionäre und Journalisten – traditionell groß.

1. Spielweise und Personalfragen

Klar war bei der Entstehung der sieglosen Serie auch etwas „Pech" dabei. Das Derby zum Frühjahrsstart unglücklich verloren, der hochmotivierte Boskovic zuerst gesperrt und dann verletzt. Aber das ist keine ausreichende Erklärung. Trainer Schöttel hatte es offenbar in fast zwei Jahren nicht geschafft, ein kompaktes Team und eine dem Personal und unserem Verein entsprechende Spielweise zu entwickeln.

Schöttel war sicherlich ein sehr verdienstvoller Rapid-Spieler gewesen und stand – auch aufgrund seiner damaligen Vereinstreue – lange nicht im Zentrum der Kritik der Fans. Dennoch trägt er für die Situation im Frühjahr 2013 eine wesentliche Verantwortung: kein klares oder durchgängiges Konzept und fehlende Automatismen in der Mannschaft. Den ehemaligen Verteidiger Schöttel merkte man wohl auch in der Spielanlage; nach vorne wenig variantenreich und kaum dem legendären Offensiv- und Kampfgeist Rapids entsprechend. Auf erschreckende Weise offensichtlich wurde das im Auswärtsspiel gegen den WAC, wo die Mannschaft selbst gegen 9 Kärntner hilflos wirkte.

Dafür war Schöttel aber nicht allein verantwortlich. Nicht zu Unrecht lautete in den letzten Wochen ein Slogan der aktiven Fanszene „Alle schuldig, alle raus". Weil der Vorstand permanent wichtige Spieler verkaufte, ohne gleichwertigen Ersatz zu bringen, musste Schöttel mit dem aktuellen Personal auskommen – und da waren Einige offensichtlich mit ihrer Aufgabe überfordert: Königshofer und Gerson ständig für einen Patzer gut, Boyd trabt irgendwo herum und ist meist nicht in der Lage, einen Pass unter Kontrolle zu bringen; dazu etliche andere schwach und auch Hofmann war bei ruhenden Bällen, Passgenauigkeit etc. weit von seiner Bestform entfernt.

Mit Hofmann, der nicht mehr der Jüngste ist, seinen Zenit offenbar überschritten hat und für den ein Gutteil der Personalkosten draufgehen, den Vertrag um drei Jahre (und vor allem mit dem Gehalt) zu verlängern, war seitens des Vorstandes sicherlich fahrlässig. Mehr als fahrlässig war aber die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Schöttel, dessen Konzeptlosigkeit auch zu Jahresanfang längst sichtbar war und der den Verein jetzt noch über zwei Jahre eine Menge Geld kosten wird. Für die Verlängerung mit Schöttel ist aber auch Schulte wesentlich verantwortlich. Aber Schulte war nicht nur damit unprofessionell, er hat es auch geschafft, sich mit seinen belehrenden Äußerungen über die aktive Fanszene in nur kurzer Zeit vollständig zu diskreditieren.

2. Finanzen

"Wer hat unser Geld versteckt? Ist es wirklich alles weg? Kuhn und Ebner wolln nichts wissen, darum solln sie sich verpissen." Seit längerer Zeit gibt es unter Rapid-Anhänger/innen Spekulationen, wie es sein kann, dass der Verein - wie der Vorstand ständig sagt - kein Geld hat. Immerhin wurden über Jahre hinweg immer wieder einige der besten Spieler verkauft und sind allein dadurch über 18 Millionen Euro hereingekommen. Dazu kamen die erheblichen Einnahmen aus der Teilnahme an internationalen Bewerben, wo Rapid immerhin etliche Male in die Gruppenphase kam. Und schließlich hat Rapid die meisten Zuschauer/innen im Stadion und insgesamt die meisten Fans, was ja über den Verkauf von Fanartikeln eine Menge Geld einbringt.

Aktionen wie die kostspielige Vertragsverlängerung mit Schöttel können die Finanzmisere allein sicherlich nicht erklären. Die Spekulationen unter den Anhänger/innen, warum trotzdem kein Geld da ist, gehen in unterschiedliche Richtungen: Sagt der Vorstand nicht die Wahrheit? Bereichern sich da irgendwelche Leute? Oder hat der Vorstand schon vor Jahren viel Geld verspekuliert und müssen die Schulden jetzt langsam wieder abbauen? Kleben sie deshalb an ihren Sessel, weil sie da Dinge zu verstecken haben? Gibt es irgendwelche für den Verein ungünstigen Finanzkonstruktionen mit der Stadt Wien? Oder...?

Das sind alles Spekulationen, etliches davon vermutlich einfach Unterstellungen. Das Problem dabei ist aber auch, dass die einfachen Vereinsmitglieder und Anhänger/innen keinen Einblick in die Geschäfte und Finanzen des Vereins haben. Wir stellen deshalb für den SK Rapid eine alte Forderung der Arbeiter/innen/bewegung auf - nämlich die Offenlegung der Geschäftsbücher! Arbeiter/innen-Organisationen haben das von kapitalistischen Konzernen gefordert, damit die Chefs den Belegschaften über die wirtschaftliche Lage der Firma nicht irgendwas erzählen (und so Lohnkürzungen oder ähnliches rechtfertigen) können. Wir verlangen die völlige Transparenz über alle Einnahmen und Ausgaben unseres Vereins für - sagen wir - die letzten 15 Jahre. Dann können wir Anhänger/innen uns selbst ein Bild machen und sind nicht mehr auf das angewiesen, was uns Edlinger, Kuhn oder Ebner erzählen.

3. Stadionfrage

Dass sich das Hanappi-Stadion in einem schlechten Zustand befindet, ist offensichtlich. Mit 17.500 Plätzen ist es für Rapid außerdem zu klein. Eine Renovierung inklusive Aufstockung der West- und Osttribüne sowie eine Schließung der Ecken (und somit eine Erweiterung auf etwa 25.000 Plätze) wäre eine Variante. Zuletzt hieß es aber immer wieder, eine solche Revovierung sei unmöglich oder zu teuer. Unklar ist, ob das wahr ist oder ob hinter solchen Aussagen andere Interessen stehen. Denn es ist offenkundig, dass die Stadt Wien und wohl auch zumindst Teile der Vorstandes das Hanappi-Stadion am liebsten dicht machen und Rapid ins Happel-Stadion übersiedeln möchten. Das Motiv ist klar: Das Stadion im Prater soll genutzt werden, damit die Renovierung für die EM 2008 zumindest nicht völlig unnötig war und man sich Geld fürs Hanappi-Stadion erspart.

Einen ersten Anlauf dazu gab es bereits 2011. Der Vorstand nahm den Platzsturm zum Anlass, um "aus Sicherheitsgründen" zuerst einmal die Derbys ins Happel-Stadion auszulagern. Nachdem das von den Fans mit einem Boykott bekämpft worden war, mussten Edlinger und Co. den Rückzug antreten. Mit dem nächsten Anlauf sind sie aber durchgekommen: Das Training der Kampfmannschaft wurde komplett in den Prater verlegt. Argumentiert wurde das damit, dass man in Hütteldorf Platz für den Nachwuchs brauche und im Westen Wiens keine zusätzlichen Flächen zu finden seien. Tatsächlich ist die Trainingsverlagerung ein erster Schritt einer vermutlich geplanten schleichenden Übersiedlung. Irgendwann wird es dann womöglich heißen, weder Renovierung noch Neubau seien in Hütteldorf finanzierbar. Dann werden vielleicht irgendwann Beamte der Stadt erklären, St. Hanappi sei wegen seines baulichen Zustand nicht mehr sicher und benutzbar - und wir müssen dann leider, zumindest vorerst, in den Prater.

Die aktuelle Trainingsverlagerung bedeutet jetzt schon eine Entfremdung der Kampfmannschaft vom Hanappi-Stadion. Wenn man nicht mehr tagtäglich dort trainiert, geht die Vertrautheit langsam zurück und ein Stück des Heimvorteils verloren. Mit einer gänzlichen Übersiedlung in den Prater wäre wohl auch die legendäre Stimmung von St. Hanappi weg, denn das Happel-Oval ist eigentlich kein Fußballstadion (aufgrund der Laufbahnen etc. zu große Distanz zum Spielfeld) und wäre, realistisch gesehen, auch meist nur halb voll - was ebenfalls auf die Stimmung wirken würde.

Vor allem aber würde mit einer Übersiedlung Rapid einen wesentlichen Teil seiner Identität, nämlich die Ansiedlung in Hütteldorf, verlieren. Freilich, Rapid ist in ganz Wien, in Niederösterreich und im Burgenland der populärste Fußballklub und hat auch viele Anhänger/innen in der Steiermark, in Oberösterreich und darüber hinaus. Dennoch, der Kern unseres Vereins ist seit jeher die Arbeiterschaft des 14., 15. und 16. Bezirks. Diese Tradition und Identität gilt es zu erhalten und zu verteidigen.

Dass im Westen Wien nicht ausreichend Raum für Trainingsplätze der Kampfmannschaft, der Amateure und des Nachwuchses vorhanden sei, ist eine lächerliche Argumentation. Es gibt in Penzing etliche brachliegende ÖBB-Gründe und ebenfalls in Penzing Bundesheer-Kasernen, die wenig benützt und baufällig sind und vor einer Auflassung stehen. Im Infrastrukturministerium (ÖBB) und im Verteidigungsministerium sitzen jeweils Minister/innen der SPÖ, in Wien stellt die SPÖ mit klarer Mehrheit den Bürgermeister. Wenn die guten SPÖ-Verbindungen von Ex-Minister Edlinger irgendetwas wert sind, dann müsste da doch etwas zu machen sein!

Offenbar scheitert es eher am politischen Willen dazu. Die Bundesheer-Liegenschaften (und vielleicht auch gleich das Areal des Hanappi-Stadions) sollen wohl lieber für teure Eigentumswohnungen verscherbelt werden. Und Edlinger scheint in dieser Frage mehr als Vertreter der Stadtregierung gegenüber Rapid als als Anwalt unseres Vereins gegenüber der Stadt. Hier gilt es politischen Druck aufzubauen! Allein für die Bewerbung (!) für die Olympischen Spiele wollte die Stadt 80-100 Millionen Euro ausgeben. Geld ist also da. Soll es doch für Sport-Investitionen ausgegeben werden, die die Bevölkerung der Stadt wirklich interessieren... für das Hanappi-Stadion, für den Sportklub-Platz etc.

4. Modernisierung?

Ob es die Stadt und der Vorstand tatsächlich wagen würden, den Rapid-Anhänger/innen einen Umzug in die Leopoldstadt aufzuzwingen, ist natürlich fraglich. Für den Fall eines Neubaus in Hütteldorf denkt Edlinger aber schon einmal darüber nach, den Namen unseres Stadions an einen Sponsor zu verkaufen. Das war sicher erst einmal ein Testballon, um zu sehen, wie groß der Widerstand sein würde. Und der Plan könnte funktionieren, denn in der Anhänger/innen/schaft hat sich der Aufschrei nach dieser "Idee" in Grenzen gehalten. Offenbar gibt es auch unter den Fans etliche, die mittlerweile bereit sind, für Geld auch Teile der Rapid-Identität zu verschachern. Und überhaupt, so sehr die Kritik am Vorstand berechtigt ist, geht sie unserer Meinung nach teilweise in die falsche Richtung.

In der Diskussion in der "Rapid-Familie" in den letzten Monaten wurde angeprangert, dass Kuhn Termine mit Sponsoren verschissen hat, und es wurde ein besseres "Scouting" in verschiedenen Erdteilen eingefordert (D. Mandl). Andere schlagen allen Ernstes die Umwandlung von Rapid in eine Aktiengesellschaft vor (C. Weiss). Ja natürlich, Termine mit Sponsoren sollte man einhalten, aber insgesamt führt die Tendenz, Rapid immer stärker Geldgebern auszuliefern und unterzuordnen, in den Untergang. Wir waren immer stolz darauf, dass bei Rapid die Fans mehr zu sagen haben als beim Dosen-Klub aus Salzburg. Wir wollen noch mehr Mitbestimmung und Demokratie im Verein, etwa bei der Wahl des Vorstandes. Wir wollen keinesfalls, dass irgendwelche Aktienbesitzer/innen über die Zukunft des Vereins entscheiden.

Natürlich spricht auch nichts gegen ein professionelles Scouting, aber das sollte nicht die Hauptstossrichtung sein. Wir wollen nicht, dass die Rapid-Mannschaft hauptsächlich aus Spielern besteht, die irgendwo auf der Welt zusammengekauft werden, die ein Jahr bei uns und im nächsten wieder woanders abcashen. Statt wie Red Bull auf dieses Söldner-Karussell zu setzen, sollte Rapid versuchen, viele Spieler zu haben, die mit unserer Region, dem Verein und den Fans verbunden sind - wie das ein Kulovits ist oder wie es ein Hoffer war. Die Hauptstossrichtung sollten deshalb Investitionen und eine Systematisierung der Nachwuchsarbeit sein. Von der Rapid-Akademie ist seit Jahren die Rede - sie muss endlich geschaffen werden. Natürlich werden nicht immer alle Spieler zu halten sein, aber es werden neue nachkommen und es kann die Vereinsidentität als Wiener Arbeiterverein erhalten werden.

Jahrelang sind die aktiven Rapidfans "gegen den modernen Fußball" aufgestanden. Wir haben vor und nach der EM 2008 gegen die Kommerzialisierung im Fußball gekämpft. Wir haben vom "Klassenkampf in Hütteldorf" gegen Red Bull gesprochen. Der Verein hat der Stimmung nachgegeben und Aufnäher mit der Aufschrift "Tradition kann man nicht kaufen" produziert. Wie haben die violetten Fans verarscht, weil sie die Umbenennung in "Generali Arena" weitgehend widerstandslos hingenommen haben. Wir sollten jetzt, angesichts der Krise in unserem Verein, nicht unsere Prinzipien über Bord werfen und nicht die Seele des Vereins verlieren. Nein zu Aktiengesellschaft, Stadion-Umbenennung und Söldner-Truppe! Besser seltener Meister als Red Bull in Grün-Weiß!

5. Sportliche Zukunft

Wir müssen leider anerkennen, dass der Lokalrivale aus Favoriten in den letzten Jahren einiges richtig gemacht hat. Sie haben stark auf den eigenen Nachwuchs gesetzt und etliche Spieler, die von dort herkommen. Und mit Finanzen, die nicht höher sind als die von Rapid, hat der FAK mit einer guten Einkaufspolitik einige Spieler ergänzt. Aus diesem Mix hat ein fähiger Trainer (auch nach Abhängen wie Junuzovic oder Baumgartlinger) ein gutes Kollektiv gemacht. Sie haben auch keine superteuren internationalen Stars, aber ein funktionierendes Spielsystem.

Ein solcher realistischer Weg steht auch Rapid offen, und zwar ohne große Kommerzialisierungsschritte. Mittelfristig kann die Rapid-Akademie ein wesentliches Instrument sein. Aber auch für die kommenden Saisonen ist nicht Hopfen und Malz verloren. Spieler wie Kulovits, Trimmel oder Burgstaller mögen zwar auch immer wieder die eine oder andere Aktion vermurksen, aber sie (und natürlich auch Hofmann) verkörpern zumindest den kämpferischen Rapid-Geist, der unseren Verein ausmacht. Gemeinsam mit etlichen jüngeren Spielern und ergänzt von einzelnen Neuzugängen kann das durchaus die Basis für die Zukunft sein.

Fehlt noch ein Trainer, der in der Lage ist, aus ihnen ein wirkliches Kollektiv mit einer funktionierenden "Spielphiosophie" zu formen. Ob Barisic dafür erfahren genug ist, können wir nicht ausreichend beurteilen. Falls das nicht der Fall sein sollte: Bitte keine internationale Trainer-Söldner wie Moniz, Schmidt oder Matthäus, für die ein österreichischer Klub oft ein gemütliches Ausgedinge ist. Lieber einen Kühbauer, der mit unsrem Verein verbunden ist, auch mit dem Personal von Admira (bis zum weitgehenden Ausverkauf) ein offensives und kämpferisches Spielsystem realisiert hat.

In jedem Fall braucht der neue Trainer einen geeigneten Rahmen im Verein. Schulte, Kuhn, Ebner und Edlinger sind das sicherlich nicht mehr. Sie sollten sich zurückziehen, so lange sie das noch ohne größeren Gesichtsverlust können. Rapid braucht eine neue Führung - eine Führung, die aus einem demokratischen Diskussionsprozess hervorgeht und die das Vertrauen der Anhänger/innen hat. Zur Wahl stellen sollten sich alle Mitglieder können, die auch Abobesitzer/innen sind. Für eine außerordentliche Hauptversammlung!

Eric Wegner und Max Hoffmann

(Eric Wegner stammt aus Wien-Hütteldorf, Max Hoffmann aus dem südlichen Niederösterreich. Beide sind Rapid-Fans seid ihrer Kindheit und Aktivisten der "Organisation arbeiter.innen.kampf".)

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