Der „Bader-Meinhoff-Komplex"


Geschrieben von Adriane Jansa, 12. November 2008

Die 68er.... Zum 40. Jubiläum sind die Medien voll mit Beiträgen, Kolumnen und Interviews mit „Exhippies", die einen verklärten Blick zurück auf ihre Jugendtage werfen. Da dürfen Berichte über die Rote Armee Fraktion nicht fehlen. Und der deutsche Großmeister der Blockbuster, der Produzent Bernd Eichinger, hat sich gemeinsam mit Regisseur Uli Edel rechtzeitig daran gemacht, uns den „Baader Meinhof Komplex" fürs Kino zu bescheren.

Die Grundlage

Grundlage für diesen „Nostalgiebeitrag" ist das gleichnamige Buch von Stefan Aust, seines Zeichens ehemaliger „Spiegel" Chefredakteur und Reaktionär. Sein „Standardwerk zur RAF" erschien bereits 1985. Aust schreibt aus der Sicht eines „neutralen" journalistischen Berichterstatters, der schon lange integraler Bestandteil der System erhaltenden und reproduzierenden Presse ist. In dieser Rolle steht er auf der Seite der Herrschenden und übernimmt deren Einteilung in legitime Gewalt (die vom Staat ausgeht) und Terrorismus.

Mit der Suche nach den Hintergründen der Entstehung der Roten Armee Fraktion hält Aust sich nicht lange auf. Die gewalttätige Antwort einer linksradikalen Gruppe auf die Gewalt des repressiven Staatsapparats tut er einfach mit „Wichtigtuerei" von Einzelpersonen ab.

Die Ausführung

Doch das ist dem findigen Produzenten Eichinger noch nicht genug. Er nimmt die einzelnen Charaktere aus dem Rahmen der politischen Organisation und bläst sie zu Klischees auf. Dabei bedient sich das Drehbuch klassischer Geschlechterrollen.

Andreas Baader, eines der Gründungsmitglieder der RAF, wird von Moritz Bleibtreu als laut herum schreiender, sexistische Sprüche klopfender Macho dargestellt. Auswürfen wie „Stell dich nicht so an wie eine halbschwule Tussi" und seinem Lieblingswort „Fotzen" haben die weiblichen Kader der RAF in der engen Fantasiewelt von Aust/Eichinger/Edel nichts entgegen zu halten als leichtes Augenverdrehen. Von seiner „Katze" Gudrun Ensslin, der die Rolle der coolen Gangsterbraut angehängt wird, darf er dabei stets mit einfühlsamem Verständnis rechnen. Durch ihr Agieren wird die Szeneintellektuelle und „Konkret-Redakteurin" Ulrike Meinhof in den Dunstkreis der RAF hineingezogen und am Ende wieder ausgespuckt. Meinhof, die auch als einzige unter den schweren Haftbedingungen zu leiden scheint, wird als fremd bestimmtes Opfer dargestellt, die dem Druck der „Stammheimer" nicht mehr stand hält und sich erhängt.

Das Ziel

Der Frage nach den Hintergründen der RAF Geschichte wird ausgelassen und das wohl nicht aus reiner Dummheit. Die Geschichte soll neu geschrieben und ein gewünschtes Bild in die Köpfe der Jugendlichen gepflanzt werden. "...in diesem Fall habe ich an meine Söhne gedacht, die heute 20 und 21 sind und als Amerikaner von Baader und Meinhof gar nichts wissen. Ihnen wollte ich diese Geschichte erzählen....", so der Geschichtenerzähler und Regisseur Uli Edel. Dass seine „Geschichte" durch die Instrumente der Faktenunterschlagung und einseitigen Betrachtungsweise zu einem Lügenmärchen mutiert, stört ihn dabei offenbar nicht. Bei der RAF handle es sich um ein paar gewaltbereite Spinner, die sich "in eine wahnhafte Vorstellung verrannt haben: dass die Gesellschaft eine faschistische ist, dass die Bundesrepublik sich vom Dritten Reich nur marginal unterscheidet. Sie begeben sich in eine Situation, in der sich künstlich ein Ausnahmezustand schaffen lässt. Man fühlt sich durch die kriegsmäßige Situation legitimiert und kommt sich dabei ziemlich großartig vor...", so Aust. Aust psychologisiert, wo er politisch sein müsste. Nur folgerichtig ist, dass die bis heute keineswegs aufgeklärten Ereignisse im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim, bei denen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe ums Leben kamen, bedingungslos als Selbstmord dargestellt werden. Schlicht ignoriert werden die zahlreichen Fakten, die gegen die These vom Selbstmord sprechen, aber auch und vor allem, dass es – wie in den wenigsten Medien erwähnt wird – eine schwer verletzt Überlebende der Nacht in Stammheim gab und diese Überlebende, Irmgard Möller, klar von einem Mordanschlag spricht. Dass Möller in den meisten Publikationen zur RAF nicht einmal vorkommt, ist bezeichnend, passt sie doch nicht in das von den Medien gezeichnete Bild.

Die damalige politische Situation flimmert zwar in kurzen Sequenzen, teils als original, teils als nachgestellte Fernsehaufnahmen über die Leinwand, was einen dokumentarischen Eindruck erwecken soll. Der gesellschaftspolitische Rahmen wird aber nur vordergründig in Bezug zum Handeln der RAF gesetzt. Bei aller Kritik an der Taktik der RAF (mehr dazu unten), hat sie doch nicht im luftleeren Raum gehandelt. Sie war Produkt einer weltweiten Jugendradikalisierung, die ihren Weg weiterging, als die spontanen Protestbewegungen sich erschöpft hatten.

Die Aussichtslosigkeit von Widerstand (jeglicher Art) soll den adressierten jugendlichen Zuschauern am Beispiel von Baader, Meinhof und ihren GenossInnen eingeimpft werden. Ruhighalten – das unterstützt auch die deutsche „Bundeszentrale für politische Arbeit", die den Filmemachern finanziell unter die Arme gegriffen hat.

Das Ende

Das Machwerk „Baader-Meinhof-Komplex" hat zum Ziel, „den Mythos" RAF zu brechen. Und mit diesem Versuch soll auch die Idee gebrochen werden, dass es überhaupt die Möglichkeit zum Widerstand gibt. Wir teilen nicht die Methoden und Strategien der RAF, doch hier wird nicht die RAF angegriffen, hier wird stellvertretend jede gesellschaftsverändernde Perspektive angegriffen.

Die Medien stützen sich dabei immer wieder vor allem auf AussteigerInnen, die alles bereuen. Keineswegs erwähnt werden aber diejenigen, die teilweise an den Ideen der RAF festhalten, teilweise eine linke Kritik an der RAF entwickelt haben, aber immer noch an linken oder linksradikalen politischen Positionen festhalten. Der einzige Zusammenhang, in dem sie vorkommen, ist die Frage bedingter Entlassungen.

Der bürgerliche Staat spricht in Zusammenhang mit der RAF immer von „gewöhnlichen Verbrechen". Gleichzeitig aber behandelt er die RAF-Gefangenen sehr wohl wie politische Gefangene, wenn er ihnen das Recht bedingter Entlassungen verwehrt. Konkret betrifft das derzeit Christian Klar, der sich immer noch klar politisch links äußert und dafür mit der Verweigerung der Bewährung bestraft wurde, obwohl er seit fast 26 Jahren im Gefängnis sitzt. Auch Birgit Hogefeld, die zweite noch einsitzende Gefangene aus der RAF, wird in einigen Jahren diese Frage treffen.

Menschen, die bis jetzt noch nie auf das Thema RAF gestoßen sind oder wurden, werden das vorgegaukelte Bild des Aust/Eichinger/Edel-Films womöglich einfach konsumieren. Menschen, die ohnehin am rechten Rand der Erde leben, sehen darin nichts Neues. Menschen, die aus einer linken Sichtweise die Geschehnisse und Vorgehensweise der RAF betrachtet haben und betrachten, haben sich von diesem Film nichts anderes erwartet. Denn: ein reaktionäres Drehbuch plus einem reaktionären Regisseur macht: einen reaktionären Film.

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