Massenkultur im Kapitalismus und sozialistische Antworten

 

Eric Wegner

Casting Shows im Fernsehen, Exhibitionismus auf Facebook, Kommerzialisierung des Sports, Pornographisierung der Sexualität – das sind einige Erscheinungsformen der aktuellen Massenkultur. Wie hängen sie mit den Mechanismen und der Ideologie des Kapitalismus zusammen? Wie kann eine Gegenkultur aussehen und was hat das alles mit Klassenkampf zu tun?

Jede herrschende Klasse – die Sklavenhalter/innen ebenso wie der Feudaladel oder das Bürgertum – hat ihre eigene Kultur hervorgebracht. Dabei gab es jeweils immer eine so genannte „Hochkultur" der Herrschenden, von der die Masse der Bevölkerung weitgehend ausgeschlossen war. Gleichzeitig bestand aber auch immer eine widersprüchliche Kultur der Massen: Vorherrschend ist auch bei ihr in der Regel der materielle und ideologische Einfluss der Herrschenden (etwa der Kirche im Feudalismus oder der kapitalistischen Konkurrenzlogik bei diversen TV-Formaten). Gleichzeitig drücken zumindest Teile der Massenkultur auch die Widersprüche der Gesellschaft aus und widerspiegeln Klassenkampf (etwa die britische Popmusik der 1980er Jahre, die zu guten Teilen die streikenden Bergarbeiter unterstützte, oder die Fußballfans, die gegen zunehmenden Einfluss von Sponsoren und staatliche Repressalien kämpfen).

Kultur und Kapital

Auch im modernen Kapitalismus existiert weiterhin eine bürgerliche Hochkultur, in der eine gewisse Bildung und ein gewisses Benehmen mehr oder weniger Voraussetzung sind. Das betrifft zu erheblichen Teilen etwa Theater, Oper und auch andere Bereiche von Literatur, Musik und bildender Kunst. Außerdem setzen einige Arten der Freizeitgestaltung ökonomische Privilegien voraus (manche Sportarten, manche Urlaubsdestinationen...). Historisch ist auch zu sehen, dass sich die Oberschicht von Kulturformen zurückgezogen hat, sobald sich zu stark einfache Leute beteiligt haben (etwa das englische Bürgertum vom Fußball im 19. Jahrhundert, nachdem die Arbeiter immer massenhafter teilgenommen haben).

In früheren Phasen des Kapitalismus waren die Lohnabhängigen von einem Gutteil der kulturellen Gestaltungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Lange Arbeitszeiten und geringes Einkommen ließen nicht viel Raum; für Arbeiterinnen mit Kindern und Haushalt noch weniger. Die Kultur war somit oft auf Kirche, Wirtshaus, gelegentliche Sportveranstaltungen oder selbstorganisierte soziale Ereignisse beschränkt. Mit den sozialen Errungenschaften nach dem 1. Weltkrieg (Arbeitszeitverkürzung, Urlaubsanspruch) begann sich das in vielen europäischen Ländern zu ändern (Kino, Sport, Ausflüge...).

Seit 1945 und besonders in den letzten Jahrzehnten entwickelte sich in den imperialistischen Ländern immer stärker eine organisierte kapitalistische Kultur, die wesentlich durch die Einbeziehung der Massen geprägt ist. Das betrifft Fernsehen und Computerspiele ebenso wie Musik und Sport. Bei dieser Entwicklung geht es einerseits um materielle Interessen von Konzernen. Andererseits werden mit vielen kulturellen Formen auch ideologische Funktionen für das herrschende System bedient.

Die wirtschaftlichen Interessen sind offenkundig. Dort wo Lohnabhängige mehr Einkommen haben, als sie für Essen und Unterkunft brauchen, sind sie für das Kapital auch als Konsument/inn/en kultureller Angebote interessant. Es geht um den Verkauf von Spielkonsolen, um für Werbeeinschaltungen relevante Einschaltquoten und publikumsabhängige Sponsorengelder bei Sportveranstaltungen. Der Erfolg von Musik ist stark von Vermarktungszielen bestimmt. Große Fußballklubs sind auch Wirtschaftsunternehmen und Facebook wurde 2013 auf einen Marktwert von über 100 Milliarden Dollar geschätzt.

Die ideologischen Funktionen des massenkulturellen Betriebes im Kapitalismus sind vielfältig. Da gibt es ökonomienahe Aspekte, die ganz offen Konsum und Produktwerbung im Zentrum haben; das war früher Rudi Carrells „Am laufenden Band" und sind heute TV-Formate wie „Shopping Queen". Explizit ums Geldmachen gebaut sind auch Gewinnshows wie früher Hans-Joachim Kuhlenkampffs „Einer wird gewinnen" oder heute die „Millionenshow" und natürlich die explodierende Branche von Wettcafes und Internetwetten.

Sportkarrieren, Casting Shows und „Seitenblicke"

Bei vielen anderen modernen massenkulturellen Erscheinungen geht es ebenfalls um individuellen Aufstieg und „Erfolg". Die scheinbar klassenübergreifende Botschaft ist immer die gleiche: „Alle können teilnehmen und alle können es schaffen, sie müssen nur gut sein und alles geben. Ob als Model oder Sänger/in, als Fußballer oder Skifahrer/in... der Weg zu Reichtum und Ruhm ist möglich." Dazu braucht es natürlich immer lebende Beweise für diese Ausnahmen von der Regel, zum Beispiel einen Skifahrer Hermann Maier, der es vom gelernten Maurer zum Millionär mit Luxusvilla am Attersee gebracht hat.

Dass mit jahrzehntelangem Arbeiten in der Fabrik, im Supermarkt, am Bau oder als Sachbearbeiterin im Büro, als Krankenpfleger/in oder als LKW-Fahrer die eigene Lebenssituation nicht wesentlich verbessert werden kann, ist für alle Lohnabhängigen offensichtlich. Das ist – solange es keine kraftvolle Bewegung der Arbeitenden für ihre kollektiven Interessen gibt – dann auch der Hintergrund dafür, dass etliche aufs Lottospielen und Wetten und manche auf Casting Shows und Sportkarrieren hoffen, dass solche Illusionen als Strohhalme dienen. Systematisch wird die Botschaft rübergebracht, dass diejenigen, die es eben nicht „geschafft" haben, sich nicht genügend angestrengt haben, dass sie eben keine Sieger/innen, sondern „Loser" sind.

Aber auch bei massenkulturellen Erscheinungsformen, wo materieller Aufstieg nicht wirklich zur Debatte steht, sondern kurzer „Ruhm" der Lohn ist, wirken ähnliche Mechanismen. Auch bei der „Großen Chance", „Germany´s Next Top Model" oder „Dschungel-Camp" geht es um Individualismus und die Reproduktion von Leistungsnormen. Egal, ob man sich von Heidi Klum oder Sido runtermachen lassen, andere rauswählen oder sich selbst rauswählen lassen muss... immer geht es um Ellbogen-Mentalität statt Solidarität, immer geht es darum, dass die allgegenwärtige Selektion im Kapitalismus (egal ob am Arbeitsmarkt, bei Ausbildungen oder am Beziehungsmarkt) als völlig natürliche Sache eingeübt und propagiert wird. Da wird dann die gerade ausgebootete Konkurrentin heuchlerisch bemitleidet und umarmt und Heidi Klum zerstört zum Gaudium oder Schaudern des Publikums das Selbstbewusstsein und die Würde von 18-Jährigen... aber es muss eben leider sein.

Egoismus und übersteigerter Individualismus sind im Kapitalismus und seiner Alltagskultur allgegenwärtig, im Fernsehen, am Beziehungsmarkt, in der Ausbildung und im Beruf, im Sport. Das Schauen auf den eigenen Vorteil auf Kosten anderer ist sozusagen das Leitmotiv der neoliberalen „Leistungsgesellschaft". Sich-stark-Fühlen durch die Demütigung anderer ist dabei „Part of the Game". Erst bei besonderen Auswüchsen wie Spaß an Erniedrigungen durch Mobbing auf Facebook oder so genanntes „Happy Slapping" kommt es zu öffentlichen Irritationen. Die Grundlage, nämlich der kapitalistische Egoismus, wird dabei aber kaum je in Frage gestellt.

Betrug und Verarschungen des Publikums sind freilich in verschiedenen Massenkulturformen verbreitet. Bei vielen der Casting Shows sind offenbar diverse Entwicklungen von der Regie bestimmt, Aufregungen, Skandale, Konflikte und Romanzen detailliert geplant und damit „Fake". „Votings" über den Verbleib oder den Rauswurf sind offenbar in vielen Fällen eine Farce, weil längst feststeht, welche „Charaktere" für die nächsten Folgen erhalten bleiben müssen – Pseudodemokratie eben, wie auch sonst im Kapitalismus. Und auch im Sport sind, wie in der kapitalistischen Wirtschaft, Betrügereien weit verbreitet, vom Doping bis hin zu diversen Spiel- und Wettmanipulationen.

Für den ganzen kapitalistischen Kulturbetrieb ebenfalls typisch ist eine Trennung in Stars auf der einen Seite und Fans auf der anderen. In Ermangelung eines eigenen glücklichen und interessanten Lebens ist das „Mitleben" mit den glamourösen und aufregenden Leben von Stars und (Halb-) Prominenten für viele eine Ersatzhandlung. Davon lebt eine ganze Branche; das reicht von altmodischen Zeitschriften wie „Neue Post" über die „Seitenblicke" bis zu „Promi-Dinner".

Exhibitionismus, „soziale Netzwerke" und Formen der Flucht

Dementsprechend träumen viele einfache Leute davon, zumindest einmal kurz „berühmt" zu sein, von den sprichwörtlichen „15 minutes of fame" – und sind dafür weitgehend bereit, sich zu erniedrigen. Das gilt für die Halb-Prostituierten beim „Bachelor", die für den wohlhabenden Herrn (und die geifernden Zuseher) verbal die Beine breit machen, ebenso wie für die Teilnehmer/innen an Kuppel-Formaten wie „Bauer sucht Frau" oder „Messer, Gabel, Herz". Mit Sendungen wie „Das Geschäft mit der Liebe – Frauen aus dem Osten", Elizabeth Spiras „Alltagsgeschichten" und manchen „Reality Shows" wird die Grenze zum Sozialporno endgültig überschritten: Wenn das eigene Leben schon nicht aufregend ist, so ist man zumindest nicht so kaputt, gestört oder peinlich, wie die Leute in diesen Sendungen.

Eine Mischung aus Sich-zum-Deppen-Machen und Exhibitionismus sind auch Talk-Shows wie die von Barbara Karlich. Oberflächliche Selbstinszenierung spielt auch beim rituellen Ausgehen Freitag- und Samstag-Abend/Nacht eine zentrale Rolle. Und Selbstdarstellung, wie toll man ist, wie viele „Freunde" man hat und was man alles tut und vorzuweisen hat, ist auch ein zentrales Element bei Plattformen wie Facebook; bei manchen ersetzt diese virtuelle Fassade auch tendenziell unmittelbare soziale Kontakte. Nicht so wenige spielen sich nahezu suchthaft ständig mit ihrem Handy und sind permanent erreichbar. Die massiven und zahlreichen oberflächlichen Kontakte können aber nicht über Vereinsamung hinweg täuschen, die viele Menschen in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft empfinden und erleben. Nebenbei ermöglicht die Handy- und Facebookkultur auch eine ständige Kontrolle, durch die sozialen Umfelder ebenso wie durch staatliche Behörden und Firmen.

Trotz hektischer Betriebsamkeit auf „sozialen Netzwerken" sind viele Menschen im bestehenden System nicht glücklich. Viele können sich angesichts von Reizüberflutung durch verschiedenen Medien auf nichts mehr wirklich konzentrieren und kaum mehr zur Ruhe kommen. Psychische Erkrankungen erreichen immer neue Rekorde. Das liegt natürlich ganz stark an Arbeitsdruck, Stress, Konkurrenz und Existenzängsten, die die freie Marktwirtschaft für die Lohnabhängigen bereithält. Es liegt aber auch an den instabilen und oft unbefriedigenden sozialen Beziehungen im modernen Kapitalismus. Eine Folge ist, dass in verschiedensten Bereichen Ablenkung gesucht wird.

Klassische Formen der Ablenkung sind die Flucht in Alkohol/Drogen oder in Religion, bei „Einheimischen" teilweise Esoterik, bei migrantischen Jugendlichen teilweise islamischer Extremismus. Andere flüchten sich in so genanntes „Party-Machen", also eine Mischung aus Tanzen, Saufen und wahllosem Anbaggern, das oft Tristesse und Leere zurücklässt, wieder andere in einen suchtartigen Umgang mit Sport oder Computerspielen; für andere Dinge ist dann oft kein Platz mehr (und das ist ja unbewusst auch der Zweck).

Und schließlich wurde in den letzten Jahrzehnten Sexualität immer stärker von den Normen der Schönheits- und Pornoindustrie geprägt. Ansprüche und Abläufe sind oft daran orientiert. Auch Leute, die sonst kaum Englisch können, wissen ganz genau, was mit „doggy style" oder „deep throat" gemeint ist und was die Abkürzung MILF bedeutet. Gleichzeitig scheitern immer mehr Menschen an den eigenen und fremden Ansprüchen an Körper und Sexualität, schämen sich, ziehen sich zurück und haben teilweise keine sexuellen Beziehungenen mehr zu anderen Menschen. „Oversexed and underfucked" trifft immer mehr die Realität am kapitalistisch geprägten Beziehungs- und Sexualitätsmarkt.

Proletarische Kultur?

Statt erfüllenden sozialen Beziehungen und der Solidarität eines gemeinsamen Kampfes für die Interessen der Lohnabhängigen dominieren im modernen Kapitalismus Individualismus und Egoismus. Das kapitalistische Konkurrenzprinzip wird in vielen Aspekten auf die soziale Ebene übertragen. Wenn aber die Massenkultur der bürgerlichen Gesellschaft all diese negativen Erscheinungsformen hat, wie kann eine Alternative dazu aussehen?

Manche Menschen, die die unerfreulichen Mechanismen der kapitalistischen Massenkultur erkennen, setzen auf die eine oder andere Form von „Alternativkultur". Das sind meist irgendwelche Arten von Subkulturen, die auf einen irgendwie anderen Lebensstil orientieren und teilweise auch (gesellschafts-) kritische Elemente beinhalten. Anhänger/innen dieser alternativen Subkulturen haben allerdings sehr oft auch eine elitäre und arrogante Haltung gegenüber der „primitiven Masse" (etwa FM4-Hörer/innen gegenüber denen anderer Musiksender). In manchen Fällen setzt ein alternativer Lebensstil auch soziale und/oder wirtschaftliche Privilegien voraus, oft ist er kleinbürgerlich-borniert und individualistisch, gar nicht so selten auch angeberisch und überheblich. Manche Musikrichtungen wie Teile von Rap und Hip-Hop, die teilweise kritisch daherkommen, kombinieren in guten Teilen skurriles Macho-Gehabe mit banalen Phrasen, die als besonders clevere Weisheiten vorgetragen werden. Und oft werden ehemals kritische Subkulturen (gerade im Bereich der Musik) auch ins System integriert, eingekauft und kommerzialisiert.

Das ist auch kein Zufall, denn diese Subkulturen sind in der Regel keine grundsätzliche Alternative zur vorherrschenden Massenkultur, sondern eine nischenartige Ergänzung, also ebenfalls eine Spielart bürgerlicher Kultur. Als Revolutionäre kritisieren wir diese kleinbürgerlichen Subkulturen. Das heißt nicht, dass man daran (wenn einem etwa eine bestimmte Musikrichtung eben gefällt) nicht individuell teilnehmen kann; das ist auch eine Geschmacksfrage. Wir lehnen es aber ab, alternative Subkulturen als irgendwie politisch fortschrittlicher Projekte hinzustellen, die zur Gesellschaftsveränderung dienen sollen. Solche graduellen Aufklärungskonzepte halten wir für zutiefst illusionär und sogar für desorientierend etwa für kritische Jugendliche.

Wenn aber eine solche Nischenausrichtung nicht wirklich etwas bringt, was hat denn die Arbeiter/innen/klasse für eine Alternative anzubieten? Im Kapitalismus ist Kultur der Arbeiter/innen zu großen Teilen bürgerlich (all die oben beschriebenen Formen, die auch von Arbeiter/innen praktiziert werden), teilweise bringen die Lohnabhängigen aber auch eigene Formen hervor. Wie stark letztere ausgeprägt ist, hängt vom Einfluss von Klassenkampf und sozialistischer Arbeiter/innen/bewegung in einem bestimmten Land in einer bestimmten Zeit ab.

Ein Beispiel einer spezifischen proletarischen Kultur war in Österreich etwa der Arbeiter/innen/sport zwischen 1918 und 1934, in dem Solidarität im Vordergrund stand, in dem eigene Sportverbände der Lohnabhängigen aufgebaut wurden, in dem die Arbeiterturner gleichzeitig auch die Elitetruppe des Schutzbundes waren. Gleichzeitig wurden in der Arbeiter/innen/sportbwegung aber auch manche Aspekte des bürgerlichen Sportbetriebes reproduziert; in mindestens gleichem Ausmaß galt das etwa im Bereich Theater und Literatur. Das ist auch kein Zufall, denn bei einer proletarischen Kultur kann es sich immer nur um Elemente handeln und nie um eine voll entwickelte Klassenkultur – weil das Proletariat Teil der kapitalistischen Gesellschaft und auch in einer nachrevolutionären Übergangsgesellschaft Richtung Sozialismus keine dauerhaft herrschende Klasse ist.

Ansätze proletarischer Gegenkultur im Kapitalismus werden immer schwächer verbreitet und entwickelt sein als die herrschende bürgerliche Massenkultur, zumindest bis zu einer sozialistischen Revolution der Arbeiter/innen/klasse. Nach einer solchen Revolution aber wird das Proletariat, in historischer Dimension betrachtet, nur eine relativ kurze Zeit als Klasse die Macht ausüben. In einer Übergangsgesellschaft werden noch Strukturen der Arbeiter/innen (Räte, Milizen etc.) die früheren Ausbeuter/innen niederhalten und an einer Rückkehr hindern. Für breite Teile der von der bürgerlichen Hochkultur vormals ausgeschlossenen wird es zunächst auch um eine Aneignung von Teilen dieser Kultur gehen. In dieser Phase wird es aber auch und zeitweise verstärkt spezifisch proletarische Kulturelemente geben, sie werden aber sehr bald in eine allgemein-menschliche sozialistische Kultur übergehen (die keine Klassenkultur mehr ist).

Die Stärke proletarischer Gegenkultur im Kapitalismus hängt eben von Klassenkampf und dem Kräfteverhältnis zwischen den Klassen ab. Im Österreich zwischen den Weltkriegen war die Gegenkultur der Arbeiter/innen stark, denn die herrschende Klasse war nach dem 1. Weltkrieg geschwächt, es hatte eine Rätebewegung gegeben, viele soziale Errungenschaften waren erkämpft worden, die Organisationen der Arbeiter/innen/bewegung waren insgesamt stark ausgeformt. Heute ist in Österreich die proletarische Gegenkultur schwach und hat der kapitalistischen Freizeitindustrie kaum etwas entgegen zu setzen. Die Ursachen waren der Rückschlag für die Arbeiter/innen/organisationen durch den Faschismus, die offen prokapitalistische Ausrichtung der dominanten Sozialdemokratie und die Kampfentwöhnung durch die Sozialpartnerschaft. Durch das Scheitern des angeblichen „realen Sozialismus" wurden gegenkulturelle Kräfte in der Arbeiter/innen/bewegung weiter geschwächt und gleichzeitig das Selbstbewusstsein der Kapitalist/innen/klasse weiter gestärkt, womit die Konkurrenzlogik der Freizeitkultur mit ihrer heutigen Ausformung wohl ihren bisherigen Höhepunkt erreicht hat. Die geringe Verankerung von klassenkämpferischen und revolutionären Kräften in der Arbeiter/innen/klasse trug außerdem dazu bei.

Umgang mit Massenkultur

Obwohl die heutige Massenkultur weitgehend kapitalistisch geprägt ist, ist die Teilnahme daran auch für klassenbewusste Arbeiter/innen unvermeidlich. Würde man das nicht tun, würde man sich sozial isolieren und tendenziell psychisch zugrunde gehen. Und als Kommunist/inn/en wollen wir ja auch mit anderen Arbeiter/inne/n, mit unserer Klasse leben – und nicht gemeinsam mit kleinbürgerlichen Snobs überheblich die Nase rümpfen.

Natürlich werden sich klassenbewusste Arbeiter/innen besonders an den kulturellen Bereichen beteiligen, wo eine aktive Teilnahme, Selbstbestimmung und Einflussnahme möglich sind. Das betrifft besonders eigene kollektive kulturelle und sportliche Aktivitäten. Und es gibt auch Veranstaltungen, wo Zuschauer/innen weniger manipulierte Teilchen der Freizeitindustrie sind als bei anderen, wo sie zumindest teilweise eine relativ selbstbestimmte Rolle spielen können. Beispielsweise ist der Fußballsport seit Jahren ein umkämpftes Feld zwischen aktiven Fans und Kommerzialisierung. Andere Bereiche (etwa Fernsehen oder Wetten) sind von Vereinzelung, Passivität und Kommerzialisierung bestimmt.

Eine strikte Trennung von Stars und Fans lehnen wir ab, ebenso eine Trennung in Künstler/innen und Konsument/inn/en. Wir sind gegen unterwürfig-bewunderndes Fantum und für möglichst starke Verbindungen von Akteur/inn/en und Zuschauer/inne/n. Wir finden die Einbeziehung und Mitgestaltung des Publikums bei Musik- oder Theaterveranstaltungen gut. Wir begrüßen es, wenn der Rapid-Fußballer Stefan Kulovits auch privat enge Verbindungen mit den Fans hatte oder der im Ausland spielende Tormann Jürgen Macho bei Heimatbesuchen im Hanappi-Stadion nicht in der VIP-Loge Platz nahm, sondern zwischen seinen alten Freunden im Fansektor stand.

In etlichen Massenkulturen drücken sich Klassenwidersprüche und manchmal auch Klassenkämpfe aus. In manchen Bereichen finden tatsächlich kulturelle Klassenkämpfe statt. Im Fußballsport geht es etwa um den Kampf zwischen Sponsoreninteressen und dem Einfluss von Fans, um den angestrebten sozialen Austausch des Publikums (Kleinbürgertum statt Arbeiter/innen), und Kommerzialisierung und staatliche Repression. Solche kulturellen Kämpfe sind nicht unwichtig, aber die Entscheidungen, in welche Richtung sich die Lebenssituation der Lohnabhängigen und die Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft und auch im kulturellen Bereich entwickeln, fallen anderswo. Sie fallen im Kernbereich der kapitalistischen Gesellschaft, dort wo es um den Profit geht, also in den großen Betrieben.

Dementsprechend kann der kulturelle Klassenkampf für Kommunist/inn/en und alle klassenbewussten Arbeiter/innen nicht der Schwerpunkt der Aktivität sein. Für eine revolutionäre Organisation ist die Teilnahme an kulturellen Kämpfen von den vorhandenen Kapazitäten und Zugangsmöglichkeiten abhängig. Einzelne Aktivist/inn/en einer revolutionären Organisation, die sich aufgrund persönlicher Interessen und Vorlieben ohnehin in einem bestimmten kulturellen Feld bewegen, werden dort auch entsprechend auftreten und die richtige Seite unterstützen.

(Der vorliegende Text ist die Niederschrift eines Referates, das Eric Wegner auf der Sommerschulung der ARKA im August 2013 gehalten hat. In der Redaktion des Textes waren außerdem Karl Grabke, Max Hoffmann und Maria Pachinger.)

 

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