Die Debatte um die Zentralmatura

 

Dezember 2013

Aktuelle Debatten, Klassenfragen und die Positionen der Arbeiter/innen/bewegung

Die Organisation arbeiter.innen.kampf konzentriert ihre praktischen Aktivitäten bekanntlich auf die Organisierung von Lohnabhängigen in den Großbetrieben. Auseinandersetzungen in den Höheren Schulen sind nicht unser Schwerpunkt. Dennoch sind uns Fragen des Bildungssystems nicht egal und im Dezember gab es Mobilisierungen von tausenden Schüler/inne/n um die Frage der Zentralmatura.

Gegen die(se) Zentralmatura traten einerseits besonders konservative Teile der ÖVP auf, andererseits Kräfte, die sich selbst als sozialistisch oder sogar als revolutionär betrachten. Wie sollte die Haltung der organisierten Arbeiter/innen/klasse zu dieser Frage aussehen? Ein Diskussionsbeitrag.

Aktuelle Auseinandersetzung

Anders als in den allermeisten anderen europäischen Ländern gab es bisher in Österreich keine zentral vorgegebene und für alle Schüler/innen gleiche Matura, sondern jede/r Lehrer/in konnte das nach Gutdünken zusammenstellen und die Schüler/innen so oder so vorbereiten. Nach einer freiwilligen Testphase einer Reihe von Schulen soll die Zentralmatura nun 2015 österreichweit stattfinden.

Schlagend wird das für die jetzigen 7. Klassen, weil sie der erste Jahrgang sein werden, der zentral maturiert. Acht von neun Landesschulinspektoren (nur der erzkonservative Niederösterreicher tanzte aus der Reihe) haben gleiche „Empfehlungen" zur Umstellung auf die kompetenzorientierte neue Form von Leistungsüberprüfungen herausgegeben, nämlich in den 7. Klassen entsprechende Schularbeiten durchzuführen.

Nachdem die erste Runde dieser Schularbeiten über die Bühne waren, gab es eine massive mediale Aufregung, dass es sich um ein „unfaires" und viel zu schweres Bewertungsschema handle. Kolportiert wurde, dass etwa in Mathematik ungefähr 75% der Schüler/innen an den Schularbeiten gescheitert wären. Tatsächlich mussten lediglich 10,8% der Schularbeiten wiederholt werden (was der Fall ist, wenn die Mehrheit einer Klasse ein „Nicht-Genügend" hat). Das entspricht nach Angabe der Landesschulinspektoren in etwas dem normalen Schnitt in der 7. Klasse, die immer schon als schwere Klasse galt, weil das Tempo in Hinblick auf die Matura verschärft wird.

Die mediale Aufregung ließ sich von solchen Fakten nicht beeindrucken. Angeführt wurde sie von einer regelrechten Kampagne von Radio Wien, in der sich eine Journalistin besonders hervor tat, deren Kind selbst ein „Nicht-Genügend" erhalten hatte, und von etlichen besonders konservativen Lehrer/inne/n etwa aus der Wenzgasse aus Wien-Hietzing oder dem Stiftgymnasium Melk, die als Kronzeugen auftraten.

In dieser Stimmung und angesichts so verstärkter Ängste von Schüler/inne/n trat nun die von der ÖVP-nahen „Schülerunion" dominierte „Bundesschülervertretung" auf den Plan, verlangte Änderungen und Verhandlungen mit dem Ministerium und dem (die Zentralmatura im Auftrag des Ministeriums vorbereitenden) BIFIE. Als Ergebnis dieser Gespräche gab es eine Einigung, laut der die Schüler/innen (-Vertreter/innen) nun direkt vom BIFIE informiert werden (und nicht, wie eigentlich vorgesehen, von den Lehrer/inne/n) sowie mehr Zeit zwischen schriftlicher Matura und der mündlichen Kompensationsprüfung liegen soll.

Da am Bewertungsschema, zumindest in Mathematik, nichts geändert wurde, warfen nun einige Gruppierungen mit sozialistischem Anspruch, die ebenfalls das medial aufbereitete Thema erkannt hatten und den Unmut vieler Schüler/innen auf ihre Mühlen lenken wollten, der Schülerunion Verrat vor, forderten einen konsequenteren Widerstand... und führten auch tatsächlich „Schulstreiks" und Demonstrationen mit tausenden Schüler/inne/n durch. Dabei argumentierten sie teilweise grundsätzlich gegen die Zentralmatura, teilweise aber auch nur gegen „diese Zentralmatura", also lediglich gegen die aktuelle Form.

Hintergründe und Klassenfragen

Die Einführung der Zentralmatura wurde 2008/09 beschlossen. Bereits ab 2009 waren die jeweiligen Grundkompetenzen festgelegt und standen entsprechende Aufgabenpools den Lehrer/inne/n zur Verfügung. Seit 2010 liegen entsprechende Lehrbücher vor, die stärker auf „Kompetenzen" (langfristig abrufbare Fertigkeiten, im Unterschied zu kurzfristig angelerntem Detailwissen) ausgerichtet sind. Eigentlich sollte 2014, so der ursprüngliche Plan, erstmals am selben Tag in allen AHS in Österreich die Zentralmatura stattfinden.

Und eigentlich sollten die Schüler/innen bereits ab der 5. Klasse AHS (beziehungsweise der 1. Klasse BHS) auf das neue Modell vorbereitet werden. Allerdings war die Einführung der Zentralmatura von Anfang an mit ziemlichem Gegenwind konfrontiert. Ein relevanter Teil der überwiegend konservativen und ÖVP-nahen AHS-Lehrer/innen (die sich in den AHS gern als „Professor/inn/en" titulieren lassen) lehnte die Zentralmatura mehr oder weniger fanatisch ab und betrieb mehr oder weniger offen Sabotage (teilweise unterstützt von konservativen Lehrer/innen/gewerkschafter/innen wie Eckehard Quin oder Gerhard Riegler). Vorgaben wurden teilweise nur schleppend umgesetzt – mit dem Ziel, die Zentralmatura zu Fall zu bringen oder zumindest zu verzögern. Letzteres gelang auch, der Start wurde von 2014 auf 2015 verschoben.

Die Gründe für den konservativen Widerstand sind klar: Es geht um die Verteidigung der bisherigen ständischen Strukturen und um Interessen des Kleinbürgertums. Das bisherige System erlaubte es den Lehrer/inne/n, durch informelle Einschränkungen des Stoffgebiets („Herr Professor, was soll ich denn besonders gut lernen?") oder entsprechende Fragestellung (Maturabeispiele in Mathematik fast identisch mit den letzten Übungen) Schüler/innen durch die „Reifeprüfung" zu schieben.

Davon profitierte bei „fortschrittlichen" Lehrer/inne/n vielleicht auch manchmal „ein benachteiligtes Migrantenkind", in der Regel aber der Nachwuchs der (klein-) bürgerlichen und bildungsbürgerlichen Schichten, dessen Eltern denselben Stallgeruch haben wie die überwiegend konservative Lehrer/innen/schaft, sich im Elternverein hervortun, für die Schule etwas spenden etc. Besonders deutlich ist das bei manchen Privatschulen, die bisher de facto davon lebten, schwache Schüler/innen „aus gutem Haus" durch die Matura zu bringen. Im oberösterreichisch-niederösterreichischen Grenzgebiet war es lange ein offenes Geheimnis... wer die HTL in Steyr nicht schafft, der geht nach Waidhofen/Ybbs, wer es auch in dieser staatlichen Schule nicht hinkriegt, geht (wenn die Eltern genügend Geld haben) ins private Stiftsgymnasium Seitenstetten und wird dort sicherlich mit Matura abschließen. Und solche Anstalten gibt es überall in Österreich.

Die Einführung der Zentralmatura würde/wird deshalb so mancher Privatschule die Geschäftsgrundlage entziehen. Das ist ein Hintergrund für den Widerstand konservativer Kreise. Aber auch in den öffentlichen AHS wird durch die Zentralmatura die ständische Macht der „Professoren"schaft, die bisher durch ihre Aufgabenstellung bewusst oder unbewusst über Wohl und Weh von Schüler/inne/n entschieden, untergraben.

Dass es gerade in Österreich bisher keine Zentralmatura gab, steht natürlich in Zusammenhang mit der generell immer noch starken Stellung des traditionellen Gymnasiums und der folgenschweren Trennung der Zehnjährigen in AHS- und Hauptschul-Schüler/innen. Auch in Deutschland, dem zweiten Land in Europa, in dem noch eine so frühe Lebensentscheidung getroffen und auf diese Weise Klassenzugehörigkeit nachhaltig reproduziert wird, ist die Zentralmatura (auf Landesebene) erst 2005-2007 das vorherrschende System geworden (davor hatte es nur eine Minderheit der Länder, nun alle außer Rheinland-Pfalz). Und die konservativen Lehrer/innen, die in Österreich in den letzten Jahren die Zentralmatura bekämpften, sind die gleichen, die mit Zähnen und Klauen die Trennung der Zehnjährigen in AHS und Hauptschule verteidigen und die Einführung einer Gesamtschule verteufeln.

Diese Verteidigung der ständischen AHS-Lehrer/innen-Macht bekamen bei den kompetenzorientierten Schularbeiten im November die Schüler/innen zu spüren. Der (neue) Teil 1 etwa der Mathematik-Schularbeiten, in dem Grundkompetenzen abzuklären sind, sollte eigentlich aus relativ leichten kurzen Beispielen zusammengesetzt sein... und wenn man allein davon 2/3 schafft, sollte das bereits für ein Genügend reichen (die Bewältigung von Teil 2 wäre dann für die besseren Noten bestimmt). Tatsächlich wurden bei den Schularbeiten im November in Teil 1 in vielen Fällen von den Lehrer/inne/n zu schwere Aufgaben gegeben... und viele Schüler/innen sind daran gescheitert.

Während in Teil 2 die auch bisher üblichen Aufgaben zu finden waren, waren sicherlich manche Lehrer/innen mit dem neuen Teil 1 einfach noch überfordert und haben das nicht wirklich planmäßig hingekriegt. In einzelnen Fällen gab es von Lehrer/inne/n auch grobe Fehler... dass in einzelnen Fällen etwa AHS-Schularbeiten und mit den deutlich anders gearteten BHS-Schularbeiten vertauscht wurden oder dass ein Mathematik-Lehrer schlicht die zu vergebenden Punkte falsch berechnet hat (peinlicherweise wurde ausgerechnet diese falsch benotete Schularbeit von der Tageszeitung „heute" als angeblicher Beleg für ein unfaires Benotungssystem vorgeführt). Dazu kam bei Teilen der konservativen Lehrer/innen/schaft, die die Schüler/innen jahrelang nicht auf die anlaufende Zentralmatura vorbereitet hatten, wohl auch mehr oder weniger bewusst das Kalkül, durch besonders schwere Schularbeiten eine Rebellion der Schüler/innen zu provozieren und so die Zentralmatura doch noch einmal verschieben zu können.

Ersteres, die (verständliche) Rebellion, ist gelungen, zweiteres, die Verschiebung der Zentralmatura, wird wohl nicht mehr gelingen. Denn letztlich stehen die kleinbürgerlichen Schichten, die die ÖVP zahlenmäßig dominieren und denen es bei der Ablehnung der Zentralmatura um ihre ständischen Privilegien geht, in dieser Frage auf verlorenem Posten. Dem Großkapital ist spätestens seit den PISA-Ergebnissen klar, dass die dezentrale Matura ein rückständiges Modell ist, das der Ausbildung von qualifizierten Arbeitskräften nicht förderlich ist. Gemeinsam mit der SPÖ, die hier (wie schon in der 1970er Jahren) wieder einmal für bildungspolitische kapitalistische Modernisierung zuständig ist, wird das der Industriellenflügel der ÖVP über die Bühne bringen. Die konservativen Lehrer/innen/vertreter/innen haben sich damit wohl auch schon abgefunden. Ihr Kampf gilt jetzt der Verhinderung der Gesamtschule, was Quin ja erklärtermaßen zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat.

Position der Arbeiter/innen/bewegung

Teile der Organisationen mit sozialistischem oder gar revolutionärem Anspruch argumentieren nicht gegen die Zentralmatura an sich, sondern nur gegen „diese" Zentralmatura und ein mutmaßlich „unfaires" Benotungssystem. Sie haben allerdings meist kaum eine Einschätzung der Fragen, um die es in diesem Konflikt wirklich geht, und sie haben so gut wie keine Vorschläge, wie denn eine „andere" Zentralmatura aussehen könnte... und kommen damit in den Mobilisierungen ins Fahrwasser der grundsätzlichen Gegner/innen der Zentralmatura. Nun kann man sicherlich über die konkrete Punktevergabe im Bewertungssystem oder über den Abstand zwischen schriftlicher Matura und Kompensationsprüfung Details diskutieren. Dass aber das neue System stärker auf Verständnis setzt und nicht in erster Linie darauf, eine Kurvendiskussion nach eingelerntem Schema runterzurechnen, ist eine Entwicklung in die richtige Richtung.

Andere Gruppierungen mit sozialistischem Anspruch lehnen die Einführung einer Zentralmatura grundsätzlich ab. Sie argumentieren, dass es sich dabei um eine weitere kapitalistische Normierung handle... und stellen auch einen Zusammenhang mit dem so genannten „Bologna-Prozess" her, mit dem seit 1999 Studiengänge und -abschlüsse europaweit vereinheitlicht wurden. Dieser Zusammenhang ist sicherlich nur teilweise treffend, denn in den meisten westeuropäischen Ländern (aber auch in der DDR und diversen anderen stalinistischen Staaten) gab es eine Zentralmatura lange vor dem Bologna-Prozess.

Dennoch ist es natürlich richtig, dass die Einführung einer Zentralmatura eine Normierung bedeutet. Und natürlich haben wir als Marxist/inn/en eine grundsätzliche Kritik am gesamten kapitalistischen Bildungs- und Ausbildungssystem, an den oft kinderfeindlichen Selektionsmechanismen, an der egoistischen Konkurrenzlogik, die da eingeübt wird, und an der ganzen Zurichtung der Kinder und Jugendlichen für das Funktionieren in der kapitalistischen Wirtschaft. Bei der Frage der Zentralmatura ging/geht es aber nicht um eine Alternative zwischen kapitalistischer Normierung auf der einen Seite und einem selbstbestimmten oder gar sozialistischen Bildungssystem auf der anderen. Die Frage, die real auf der Tagesordnung stand/steht, ist die Entscheidung zwischen einem kapitalistischen Modernisierungsmodell und einem ständisch-konservativen kapitalistischen Modell.

Bei dieser Auswahl können sich sozialistische oder revolutionäre Kräfte auf keinen Fall auf die Seite der ständischen Konservativen stellen. Wenn man sich schon unbedingt auf eine Seite stellen will, dann ist vielleicht eine kritische Unterstützung der Zentralmatura irgendwie argumentierbar; zumindest wird das Verständnis von Gelerntem stärker betont und die Bevorzugung von (klein-) bürgerlichen Schüler/innen durch Stoffeinschränkungen und Fragestellungen wird beseitigt (und bleibt auf stärkere Unterstützung der Eltern durch Nachhilfe etc. beschränkt).

Wir denken aber nicht, dass es notwendig ist, sich in der Auseinandersetzung zwischen zwei bürgerlichen Modellen auf eine Seite zu stellen. Vielmehr gilt es, die Klasseninteressen hinter den jeweiligen Modellen aufzuzeigen, das kapitalistische Bildungssystem grundsätzlich zu kritisieren und Grundlinien einer sozialistischen Alternative zu skizzieren: Eckpunkte davon wären a) eine polytechnische Lern- und Arbeitsschule, durch die die Trennung zwischen Arbeitswelt und Lernen aufgehoben wird, b) die Arbeiter/innen-Kontrolle über das gesamte Ausbildungssystem (also nicht durch Staat und Konzerne, sondern durch die Arbeiter/innen/bewegung), c) eine Gesamtschule für alle 10-18-Jährigen.

Der Kampf für die Gesamtschule sollte für sozialistische und revolutionäre Kräfte heute in Österreich der zentrale Punkt in der Bildungspolitik sein. Argumentieren müssen wir dabei für eine echte Gesamtschule, das heißt eine, wo es daneben keine anderen Schulen (Gymnasien, Privatschulen etc.) mehr gibt. Selbst das wäre für sich noch keine systemüberwindende sozialistische Maßnahme, aber immerhin eine echte soziale Reform, die (klein-) bürgerliche Klassenprivilegien verringert.

Eric Wegner und Manfred Scharinger

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