Burn-Out für alle?

Oder: Lohnarbeit im Kapitalismus macht krank

 

Was wir tagtäglich am eigenen Leib spüren, wird nun durch eine aktuelle Studie belegt: Unsere Arbeit belastet, überlastet, brennt uns aus – und das immer mehr und mehr.

„Burn-Out" galt lange als klassische Managerkrankheit – angeblich, weil die so viel „Verantwortung tragen". Dieses Vorurteil wird nun durch eine ganz neue Studie der Arbeiterkammer Oberösterreich widerlegt. Demnach sind vier von zehn ArbeiterInnen von Burn-Out und ähnlichen Erschöpfungszuständen betroffen.

In der neuen Studie wird festgestellt, dass der Faktor „hohe Verantwortung" zwar mit 17 Prozent nicht unwesentlich für die Entstehung von Burn-Out ist. Aber Zeitdruck (21 Prozent) und hohe Konzentration (19 Prozent) sind noch belastender.


ArbeiterInnen am meisten gefährdet

Aber davon abgesehen: Als ob nicht auch ganz viele „gewöhnliche" Jobs sehr viel Verantwortung bedeuten! Sehr viel Verantwortung, die anders als bei den Damen und Herrn Managern, weder in materieller Hinsicht (durch entsprechendes Gehalt), noch in sozialer Hinsicht (durch gesellschaftliche Anerkennung) abgegolten wird. Und bei etlichen einfachen Berufen wie Straßenbahnfahrer und Krankenschwester geht es auch noch um die Gesundheit und das Leben von Menschen.

Am stärksten Burn-Out gefährdet sind laut der aktuellen Studie die ArbeiterInnen in der Baubranche (mit 41 Prozent). Dahinter liegen die FabriksarbeiterInnen (mit 39 Prozent) vor den KassiererInnen (mit 38 Prozent). Hoher Zeitdruck, monotone Arbeit und unsichere Zukunftsperspektiven spielen dafür die zentrale Rolle. Aber auch andere Faktoren, wie ständige Kontrolle, mangelnde Rückzugsmöglichkeiten, Probleme mit dem Chef und Lärm sind laut Studienergebnissen wesentlich. Und im Pflegebereich sieht es sicherlich kaum besser aus.

Die starke Zunahme der Arbeitsbelastungen spiegelt sich in der Zahl der Krankenstandstage wegen psychischer Erkrankungen wider: Diese haben sich seit 1994 in Österreich fast verdreifacht! Und psychische Erkrankungen betreffen zumeist nicht die Psyche allein: Zumindest zwei Drittel leiden an Muskelverspannungen und/oder Rückenschmerzen, mehr als zwei Drittel (67 Prozent) sind erschöpft und 62 Prozent haben Kopfschmerzen.


Was dagegen tun?

Was aber schlägt die Arbeiterkammer Oberösterreich gegen die Zustände vor? Neben der Ermittlung der Arbeitsbelastungen fällt ihr nichts Besseres ein als „eine Änderung der Arbeitsabläufe, eine Optimierung des Führungsverhaltens und Klärung von Zuständigkeiten" einzufordern, was „viel zu einem besseren Klima beitragen" werde. Darüber hinaus sollen vorbildliche Unternehmen belohnt werden und ArbeitspsychologInnen zum Einsatz kommen.

Klar, wärs nicht schlecht, wenn uns unsere Chefs mit mehr Respekt entgegenkommen. Eine wirklich große psychische Entlastung wäre allerdings, wenn sie uns mit mehr Lohn entgegenkommen würden. Dann bräuchten wir weniger Angst haben, wie wir und unsere Familien heute und in Zukunft über die Runden kommen. Eine Änderung der Arbeitsabläufe und Klärung von Zuständigkeiten – schön und gut. Aber wenn es auf der einen Seite immer mehr Arbeit und auf der anderen Seite immer weniger Beschäftigte für diese Arbeit gibt, so wird sich das bei der effizientesten Arbeitsorganisation einfach nicht „belastungsfrei" ausgehen. ArbeitspsychologInnen werden daran nichts ändern (wenn sie nicht sogar ein Kontrollinstrument der Chefs sind).


Anderes System!

Stichwort „Klärung von Zuständigkeiten": Natürlich ist es sinnvoll Doppelgleisigkeiten auszumerzen, aber im Grunde wird sich relativ wenig daran ändern, dass wir im Grunde nichts zu sagen und kaum was in unserem Unternehmen mitzubestimmen haben. Das liegt daran, dass in unserer kapitalistisch organisierten Wirtschaft weder in den Gesamtabläufen noch in den einzelnen Betrieben Demokratie vorgesehen ist.

Solange Unternehmen profitorientiert funktionieren, geht es nicht um das Wohl der Beschäftigten oder gar der gesamten Gesellschaft. Insofern Profite auf der Ausbeutung der Beschäftigten basieren und die Jagd auf Profite immer schärfer wird, braucht man nur eins und eins zusammenzählen, wie sich das hinsichtlich der psychischen Belastung auf die Beschäftigten auswirken wird.

Wirklich anders sein kann das nur in einer Gesellschaft, in der wir nicht als Ausgabenfaktor in den Geschäftsbüchern aufscheinen, sondern in der wir für Ziele arbeiten, die wir selbst mitbestimmen - in einer Gesellschaft, in der es keinen besseren Führungsstil braucht, weil wir nicht von irgendwelchen Chefs geführt werden, sondern unsere Arbeitsstruktur selbst bestimmen.

Maria Pachinger, Eric Wegner

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