Nationale Frage und marxistische Theorie - Teil 1: Die "Klassiker"

 

Karl Marx und Friedrich Engels, Karl Kautsky, Karl Renner, Otto Bauer, Josef Strasser, Anton Pannekoek, Rosa Luxemburg, Josef Stalin, W.I. Lenin, Leo Trotzki

Marxismus-Buchreihe Nr. 23, Wien 2003, 224 Seiten A5, 14 Euro, ISBN 3-901831-19-3

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Editorial

Das ausgehende 20. Jahrhundert brachte mit dem Zusammenbruch des Stalinismus, dem Zerfall der Sowjetunion und dem durch imperialistische Einmischung geförderten Auseinanderfallen Jugoslawiens eine (Neu-)Formierung vieler Staaten und ein verstärktes Wiederaufkommen des Nationalismus nicht nur in Osteuropa. Auch in Westeuropa kam es mit dem Aufstieg von Parteien der extremen Rechten zu einem verstärkten Schüren nationalistischer Ressentiments. Wollen sich revolutionäre Kommunist/inn/en nicht auf den Standpunkt eines abstrakten Internationalismus zurück ziehen, sondern das Wesen von Nationalismus und nationaler Unterdrückung verstehen und auch im Stande sein, eine revolutionäre Antwort darauf zu geben, tut eine Auseinandersetzung mit marxistischer Theorie hierzu Not.

Schon zu Anfangszeiten der AGM publizierten wir einen Marxismus-Band zu Österreich-Nationalismus und Arbeiterbewegung (Marxismus Nr. 3) und vor Kurzem kam als erstes Produkt unserer aktuellen Beschäftigung mit der nationalen Frage ein Band zu Koloniale Frage und Arbeiter/innen/bewegung (Marxismus Nr. 22) heraus. Mit dem vorliegenden Buch legen wir nun den ersten Teil unserer Studien zur marxistischen Theorie über die nationale Frage im engeren Sinne vor, er beschäftigt sich mit der Entwicklung der Positionen bei Marx und Engels und den Diskussionen in der Zweiten Internationale.

Manfred Scharinger untersucht in seinem Beitrag die Positionen von Karl Marx und Friedrich Engels, die zwar nie eine einheitliche Theorie der nationalen Frage vorlegten, aber in einer Vielzahl von Artikeln Stellung bezogen. Sie verstanden Nationen nicht als ahistorische Gebilde, sondern als Produkte des Kapitalismus, die mit dessen Überwindung auch wieder verschwinden werden. Die Arbeiter haben kein Vaterland, sie würden durch Patriotismus und Nationalismus nur vor den Karren der eigenen Bourgeoisie gespannt.

Neben diesen positiven Komponenten gibt es bei Marx und Engels, auch nach dem Bruch mit der hegelianischen Wesensphilosophie, eine starke Beeinflussung durch die Hegelsche Geschichtsphilosophie, was sich in der Theorie der geschichtslosen Völker widerspiegelte. Sie sahen in den kleinen Völkern, die es bis dahin nicht zur Bildung von Nationalstaaten brachten, ein ausschließlich reaktionäres Moment, das immer ein Instrument der Konterrevolution werden müsse. Auch wenn Marx und Engels in der Frage der britischen Besatzung Irlands zu andren Schlüssen kamen und in den Vordergrund rückten, dass ein Volk, das ein anderes Volk unterjocht, seine eigenen Ketten schmiedet, so gelang es ihnen nicht, diese Analyse auszuweiten und theoretisch zu verarbeiten.

Im zweiten Teil des Bandes beschäftigt sich Eric Wegner mit der Diskussion in der sozialdemokratischen Zweiten Internationale vor und während des ersten imperialistischen Weltkrieges. Trotz seines ökonomistischen Denkens gelang es Karl Kautsky als erstem, eine marxistische Kritik am Konzept der geschichtslosen Völker anzubringen. Vor dem Hintergrund eines vorwiegend kulturellen Nationsverständnisses sahen die Austromarxisten Karl Renner und Otto Bauer im Konzept der national-kulturellen Autonomie eine Lösung nationaler Probleme, in der Realität führte sie dies zu einer Verteidigung der bestehenden Verhältnisse und zu einer Kapitulation vor dem Deutschnationalismus.

Die Vertreter der radikalen Linken in der Sozialdemokratie, zu denen neben Rosa Luxemburg hier auch Josef Strasser und Anton Pannekoek, die bedeutende Arbeiten zur nationalen Frage schrieben, zählen, waren die Verfechter eines bedingungslosen Internationalismus, nicht nur in der Theorie sondern auch in ihrer politischen Praxis. Da sie aber nicht zwischen Nationalismus von Unterdrückten und Unterdrückern unterschieden, konnten auch sie keine konsequente Perspektive geben. Genau dies taten die Bolschewiki (Josef Stalin, W.I. Lenin) und Leo Trotzki, die, trotz gewisser Schwächen in ihrer Analyse und Differenzen untereinander, das territoriale Recht auf Lostrennung als wirksamstes Mittel gegen nationalen Hass und Zwietracht sahen; nur auf freiwilliger Basis könne die notwendige Vereinigung zu Stande kommen.

Als Anschluss an die vorliegende Arbeit planen wir einen weiteren Band zur nationalen Frage. Darin soll es sowohl um Weiterentwicklungen der marxistischen Theorie gehen, als auch um die Konkretisierung anhand von einzelnen nationalen Fragen.


Inhalt

Editorial (Stefan Neumayer)

Nationale Frage und Arbeiter/innen/bewegung – Teil 1: Die „Klassiker"

I. Marx / Engels und die nationale Frage (Manfred Scharinger)

Nationalität und nationale Frage in den Frühschriften

Die Arbeiter/innen/klasse – frei von nationalen Vorurteilen?

„Die Arbeiter haben kein Vaterland!"

Die Geschichtsphilosophie Hegels – ein Exkurs

Marx / Engels und die nationale Frage in der Revolution von 1848 / 1849

„Völkerabfälle" und „Völkerruinen"

Ausgangspunkt: Die reaktionären Völker – eine Charakteristik

Bündnis slawischer Nationalismus – Reaktion... und die Konsequenzen

Engels gegen Bakunin: Panslawistische Reaktion gegen Selbstbestimmung?

Polen, „Nationalitätenprinzip" und die assimilierende Kraft der Revolution

Selbstbestimmungsrecht und irische Frage

„Musternationen" und nationaler Indifferentismus

Kolonialismus – ein unbewusstes Werkzeug der Geschichte?

Abschluss und Ausblick

Zitierte Literatur

II. Die Diskussion in der Zweiten Internationale (Eric Wegner)

1. Von Karl Marx und Friedrich Engels zu Karl Kautsky

2. Die Austromarxisten

Bis zum Brünner Nationalitätenprogramm

Karl Renner

Otto Bauer

3. Die radikale Linke

Josef Strasser

Anton Pannekoek

Rosa Luxemburg

4. Die Bolschewiki und Leo Trotzki

Josef Stalin

W.I. Lenin

Leo Trotzki

Zitierte Literatur

Personenverzeichnis